Gawrisch lebte viele Jahre in Griechenland und versuchte dort, Kontakte zu potenziellen Verbündeten zu knüpfen. Zwischen 2009 und 2013 arbeitete er an der russischen Botschaft in Athen, als 3. Sekretär. Im Herbst 2013 zog er zurück nach Moskau.

Im Dezember, als seine gehackten E-Mails öffentlich wurden, weckten Gawrisch und seine Schreiben noch wenig Aufmerksamkeit. Doch angesichts der russlandfreundlichen Äußerungen der neuen griechischen Regierung und der offensiven Freundlichkeit des Kremls gegenüber Tsipras werden sie nun hoch interessant. Wie weit reicht der Einfluss russischer Ideologen auf griechische Politiker?

Aus dem Mail-Archiv, das Schreiben in Russisch, Griechisch und Englisch umfasst, im Mai 2010 beginnt und bis Ende November 2014 reicht, geht hervor, dass Gawrisch in Griechenland ein umfassendes Netzwerk unterhielt. Sein offensichtliches Ziel war es, prorussische und europakritische Mitstreiter zu finden. Seine freundschaftlichen Kontakte reichten von Mitarbeitern der amerikanischen Botschaft über Geschäftsleute bis hin zu Publizisten, die Einfluss auf Politiker völlig unterschiedlicher ideologischer Ausrichtung ausübten. Kontakte bestanden sowohl zur jetzigen Regierungspartei Syriza, als auch zu den mitregierenden rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen.

"Prorussische Freunde" unter den Rechtsextremen

Auch unter den Rechtsextremen suchten Gawrisch und seine Mitstreiter nach Verbündeten. Das zeigen Kontakte zur griechischen Neo-Nazi-Partei Goldene Morgenröte, deren gesamte Führungsspitze sich inzwischen wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung vor Gericht verantworten muss.

Im November vergangenen Jahres wird der frühere Diplomat Gawrisch von einem Mittelsmann per E-Mail gebeten, "unserem prorussischen italienischen Freund" behilflich zu sein. Gemeint ist der italienische Faschist Roberto Fiore, Gründer der rechtsextremen Partei Forza Nuova. Er will nach Athen reisen, um dort den Führungszirkel der Goldenen Morgenröte zu treffen. Allerdings sitzen die wichtigsten griechischen Morgenröte-Neonazis zu dieser Zeit schon in Haft. Fiore bittet: "Können Sie uns einen Anwalt für den 12. Dezember bestellen? Wir brauchen ihn, um in das Gefängnis zu kommen, wo sich die Anführer der Goldenen Morgenröte befinden." Ob den italienischen Faschisten geholfen wurde, geht aus den E-Mails nicht hervor.  

Stargast Dugin

Zum Netzwerk von Gawrisch gehört in Russland auch der strenggläubige Oligarch und Hochzeitsorganisator Malofejew. So taucht Gawrischs Name beispielsweise als Experte auf Mailinglisten von Marshall Capital auf, einem Investitionsfonds, den Malofejew gegründet hat.

Malofejew finanziert nicht nur Separatisten in der Ostukraine und griechische Partys, auch an der Krim-Annexion soll er als Mittelsmann beteiligt gewesen sein. Er bezeichnet sich selbst als christlich-orthodoxen Patrioten, in seinem Büro hängt ein Porträt des Zaren Alexander III, er wünscht sich das russische Imperium zurück. Seine Stiftung des Heiligen Basilius gehört zu den größten Sponsoren der russisch-orthodoxen Kirche und gibt sich einen wohltätigen Anschein.

Malofejews Geld kommt aber auch Netzwerken in Europa zugute. Im Mai vergangenen Jahres trat Malofejews Stiftung beispielsweise als Veranstalter eines von der Öffentlichkeit abgeschirmten Kongresses in Wien auf, der Rechtsextremisten, Monarchisten, christliche Fundamentalisten und antieuropäische Nationalisten zusammenbrachte. Sie alle eint die Abneigung gegenüber jeder Form von Liberalismus und ein positiver Blick auf das heutige Russland. Offiziell war die Veranstaltung dem 200. Jahrestag der "Heiligen Allianz" gewidmet, die Russland, Preußen und Österreich 1815 nach dem Sieg über Napoleon schmiedeten. Zu den Teilnehmern zählten Vertreter des französischen Front National und der bulgarischen rechtspopulistischen Partei Ataka.

Der "Eliteklub"

Stargast des Wiener Kongresses war wiederum Dugin. Nicht von ungefähr. Seit Jahren sucht er überall in Europa Mitstreiter. Wen er dabei im Sinne hat, geht aus einer weiteren Mail hervor, die Dugin im Februar 2014 an Gawrisch sandte. Im Anhang findet sich eine Liste von Personen aus verschiedenen Ländern, die geeignet seien, einen "Eliteklub" zu gründen, oder "eine Gruppe zur Beeinflussung der Information im Sinne von 'Russland Heute'".

Unter Deutschland listet Dugin etwa den Publizisten Jürgen Elsässer auf, unter Ungarn Premierminister Viktor Orbán. Für Griechenland stehen drei Personen auf der Liste, darunter Alexis Tsipras, damals oppositioneller Parteichef der Syriza. Dies ist der einzige Hinweis in den E-Mails darauf, dass es nicht nur Kontakte zur griechischen Rechtsextremisten und zum Unabhängigen Griechen Kammenos gibt, sondern dass aus Sicht der russischen Ideologen auch der heutige griechische Regierungschef persönlich ein möglicher Kooperationspartner ist.

Das gilt auch für andere Mitglieder von Tsipras Partei Syriza. Auf der Eliteklub-Liste steht nämlich neben dem Komponisten Mikis Theodorakis noch ein dritter Grieche: der Schriftsteller und Journalist Dmitris Konstantakopoulos. Mit allen diesen Menschen, so heißt es in einer Fußnote, hätten sich entweder Dugin oder einer seiner Vertreter persönlich getroffen. Mit ihnen seien direkt oder indirekt Мöglichkeiten ausgelotet worden, an der "Organisation und/oder an Informationsinitiativen im Sinne Russlands" teilzunehmen.