Dass diese Vorschläge im Wesentlichen Realität wurden, ist deutlich. Doch wer hat dieses eine publik gewordene Strategiepapier verfasst? Welchen Einfluss hatten – oder haben – dessen Autoren auf die Entscheidungen des russischen Präsidenten?

Konstantin Malofejew © www.ru.wikipedia.org

Die Nowaja Gazeta schreibt, sie habe das Strategiepapier von einer vertrauenswürdigen Quelle aus dem Kreml zugespielt bekommen. Sie vermutet, dass es aus dem Umkreis des Oligarchen Konstantin Malofejew kommt, der mittlerweile auf der EU-Sanktionsliste steht. Ein Sprecher Malofejews dementierte eine Autorschaft gegenüber der Nowaja Gazeta und drohte mit Klagen. Der Verdacht, dass Malofejew zumindest von den in dem Papier genannten Plänen Kenntnis hatte, liegt aber deshalb nahe, weil er viel getan hat, um an deren Umsetzung mitzuwirken.

Malofejew ist ein russischer Multimillionär, der einen Großteil seines Vermögens als Teilhaber von RosTelecom gemacht hat, einer der größten russischen Telekommunikationskonzerne. Malofejew sagt über sich, er liebe das Russische Imperium. Andere sagen über ihn, er könne eine Hand voll Sand an jemanden verkaufen, der in der Wüste steht.

Bereits im Januar 2014, also bevor das Papier entstand, war Malofejew mit einer Delegation der russisch-orthodoxen Kirche auf der Krim gewesen. In seiner Belgeitung: Igor Girkin alias Strelkow, der später sowohl bei der Annexion der Krim als auch beim Aufbau der separatistischen Truppen im Osten der Ukraine eine entscheidende Rolle gespielt hat. Girkin wiederum, ein ehemaliger russischer Geheimdienstler, steht zumindest in einem engen Arbeitsverhältnis zu Malofejew, seit 2013 arbeitete er für dessen Firma Marshall Capital als Sicherheitschef. Malofejew bestreitet, dass sein Krim-Besuch mit den folgenden politischen Ereignissen dort in Zusammenhang stand, er will ihn als Treffen unter orthodoxen Brüdern verstanden wissen. Einige Monate später allerdings, im Juni 2014, begleitete Malofejew den neuen Ministerpräsidenten der Krim, Sergej Aksjonow, bei einem Treffen mit Putin.

Malofejew gilt außerdem als Finanzier für die selbst ernannte Volksrepublik Donezk. Sein ehemaliger PR-Berater Alexander Borodaj zum Beispiel war 2014 Ministerpräsident der Volksrepublik. Girkin wiederum führte einen Teil der Separatisten zunächst in Slowjansk und später in Donezk an. Natürlich dementiert Malofejew, dass er die Separatisten direkt ausrüstet. Er betont immer wieder, er leiste der Volksrepublik lediglich humanitäre Hilfe über seine Stiftung des Heiligen Basilius.

Malofejew mag auf der Krim und im Donbass im Sinne der russischen Regierung tätig sein, er hat aber seit einigen Jahren Probleme mit dem russischen Staat. Ende 2012 warf ihm die staatliche VTB-Bank vor, 200 Millionen Dollar veruntreut zu haben. Die Büroräume seiner Firma Marshall Capital wurden durchsucht. Etwa zur gleichen Zeit beschuldigte ihn die Staatsanwaltschaft, Wählerstimmen gekauft zu haben. Malofejew wollte sich in der Kleinstadt Znamenskoy im Norden Russlands in den Gemeinderat wählen lassen, um dadurch ins Parlament in Moskau zu kommen und so Immunität zu erhalten. In letzter Sekunde untersagte ein Gericht seine Kandidatur. Später fuhr der Kreml eine PR-Kampagne gegen Malofejew, an deren Ende dessen persönliche Website auf einer Internetblacklist landete und vom Staat gesperrt wurde. Auf derselben Blacklist übrigens, an deren Erstellung Malofejew selbst 2012 beteiligt war – über die Liga für Internetsicherheit, die er fördert. Mitte Februar dieses Jahres gab es erneut eine Durchsuchung von Malofejews Büroräumen, wobei es offiziell wieder um das veruntreute Geld der VTB-Bank ging.

Handlungsempfehlungen aus dem RISI

Die Annahme der Nowaja Gazeta, dass Malofejew an dem Strategiepapier selbst mitgewirkt hat, erscheint anderen unwahrscheinlich. "Dieses sehr geheime Dokument kann nicht von Malofejew kommen", sagte beispielsweise Alexander Sytin ZEIT ONLINE. Sytin ist ein ehemaliger Mitarbeiter des Russischen Instituts für strategische Forschungen, RISI.

RISI ist eines der größten wissenschaftlichen und analytischen Zentren Russland. Sytin war zu der Zeit, als das Dokument erstellt wurde, dort noch beschäftigt. Er sagt, es müsse sich bei dem Papier um ein RISI-Dokument handeln. Er habe das Dokument zwar damals nicht gesehen, er sei nicht für die Ukraine zuständig gewesen. "Die Struktur und der Stil dieses Berichts entsprechen aber völlig der Praxis und den Aufgaben von RISI", sagte Sytin. Es sei üblich, dass Berichte im Haus anonym erstellt und dann mit der Unterschrift des Direktors herausgeschickt würden. Das von der Nowaja Gazeta publizierte Dokument enthält allerdings keine Unterschrift.

Leonid Reschetnikow im russischen TV-Sender Zargrad, der Konstantin Malofejew gehört © Christo Grozev

Der Name dieses Direktors ist Leonid Reschetnikow, ein ehemaliger KGB-Agent. Der 68-Jährige leitet das RISI seit 2009, das bis dahin Teil des russischen Auslandsgeheimdienstes war. Reschetnikow gilt als glühender Anhänger der russisch-orthodoxen Kirche und Verfechter der Wiederauferstehung des Russischen Reiches.

Derzeit arbeiten rund 200 Wissenschaftler Vollzeit für das Institut. Seine Aufgabe ist es, der russischen Regierung Analysen und Informationen zu liefern, um Entscheidungen in der Außenpolitik zu treffen. RISI ist mehr als ein Thinktank, es liefert den Entscheidern Russlands praktische Handlungsempfehlungen, es ist das Hirn des Kreml. Seine Vorschläge sind Grundlage für die Politik im Sicherheitsrat, im Außenministerium und im Verteidigungsministerium.

Reschetnikow ließ eine Anfrage, ob das Strategiepapier aus dem RISI stammt unbeantwortet. Sollte das der Fall sein, wie Sytin sagt, muss das nicht heißen, dass Malofejew daran völlig unbeteiligt war. Malofejew und Reschetnikow kennen sich persönlich und teilen eine ähnliche Vision von einer großartigen Zukunft Russlands. Beide traten bei einer RISI-Konferenz im serbischen Banja-Luka im Sommer 2014 auf, ebenso bei einer panslawischen Veranstaltung zum Thema Moskau, das dritte Rom.

Offen sind im Zusammenhang mit dem Strategiepapier zwei Fragen: In welchem Verhältnis steht Malofejew zu Putin? Hat der Kreml möglicherweise ein Interesse daran, dass Malofejew als Verantwortlicher für das Papier dargestellt wird, damit es weniger kremlnah wirkt? 

Ex-RISI-Mitarbeiter Sytin sagt, seit 2012 akzeptiere Wladimir Putin als Beratungsinstitution nur noch das RISI. Und Reschetnikow, der Leiter des Instituts, sagte am 10. Februar 2015 in einem Interview mit der russischen Zeitung Moskowski Komsomolez: "Heutzutage werden die RISI-Analysen im Präsidialamt gelesen, einige landen direkt auf dem Schreibtisch von Putin."

Update vom 27. Februar 2015, 10:30

Nach Erscheinen des Artikels teilte RISI-Leiter Reschetnikow ZEIT ONLINE mit, das Strategiepapier stamme nicht aus seinem Haus: "Generell erarbeitet RISI keine Strategien zur Ukraine, es bekommt auch keine Aufträge dafür", schreibt er in einer Mail.
Vor Kurzem hatte Reschetnikow noch selbstverständlich davon gesprochen, dass RISI Ukraine-Analysen erstellt. Im oben erwähnten Interview mit dem Moskowski Komsomolez vom 10. Februar 2015, in dem es auch um die Rolle seines Ex-Mitarbeiters Sytin ging, sagte er: "Sytin hat die Papiere über die Ukraine einfach nicht gelesen, die ich unterschreibe und die dann an die Präsidialadministration gehen." Die Position des Instituts beschrieb er in dem Interview so: "Wir haben immer gesagt, dass sich die Lage in der Ukraine für Russland verschlechtert. Und dass der Einsatz allein wirtschaftlicher Methoden in den Beziehungen nicht ausreicht und zu keinen Ergebnissen führt. Der Zerfall der UdSSR hat gezeigt, dass wir die Ideen-Komponente unterschätzen, die Arbeit des Westens nicht genug im Blick haben und zu wenig mit Soft Power arbeiten. Über dieses Thema haben wir am meisten geschrieben."