Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hat im Nordosten Syriens laut Aktivisten mehr assyrische Christen in ihre Gewalt gebracht als bislang bekannt. Die Extremisten hätten in mehreren Dörfern insgesamt fast 270 Menschen gefangen genommen, sagte der Vorsitzende des Assyrischen Rates in der Region, George Mirza.

Die Sprecherin der in Brüssel ansässigen European Syriac Union, Rima Tüzüm, erklärte, es gebe Informationen aus der Region, dass der IS mehr als 350 Menschen als Geiseln genommen haben könnte. Frauen und Kinder seien von den Männern getrennt und in unterschiedliche Gebiete gebracht worden. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte hatte bisher von 90 entführten Christen berichtet. Über das weitere Schicksal der Entführten gab es keine gesicherten Angaben. Nach Informationen der assyrischen Nachrichtenagentur Aina sagten IS-Mitglieder, die Entführten seien sicher und befänden sich in gutem Zustand. Sie würden in den nächsten Tagen freigelassen.

Die IS-Extremisten hatten am Montagmorgen nordwestlich von Al-Hassaka mehrere christliche Dörfer entlang des Flusses Chabur angegriffen und unter Kontrolle gebracht. Die IS-Angriffe lösten zugleich eine Flucht von Hunderten Menschen in benachbarte Städte aus. Laut Mirza flohen allein rund 800 Familien nach Al-Hassaka.

Kurden gelingt Schlag gegen IS

Im benachbarten Nordirak schnitten kurdische Einheiten eine wichtige Versorgungsroute des IS nach Syrien ab. Die Extremisten hätten die Straße für Nachschublieferungen zwischen der Millionenstadt Mossul und Syrien genutzt, sagte ein kurdischer Befehlshaber. Die USA und ihre Verbündeten hätten die Kurden mit Luftangriffen unterstützt.

IS-Kämpfer hatten die zweitgrößte Stadt des Irak im Juni 2014 überrannt. Mossul liegt rund 400 Kilometer nördlich von Bagdad und gilt wegen seiner Ölraffinerien als strategisch wichtig.

Die irakischen Streitkräfte bereiten derzeit eine Offensive zur Rückeroberung der Stadt vor. Laut einem Bericht der irakischen Nachrichtenseite Shafaq News sind auch die Vorbereitungen des IS zur Verteidigung der Stadt in vollem Gange. So seien die Extremisten dabei, rund um Mossul einen anderthalb Meter tiefen Verteidigungsgraben zu ziehen. Zudem würden die Zufahrtsstraßen mit Barrikaden blockiert.

IS für Deutschland gefährlicher als Al-Kaida

Nach Ansicht des Verfassungsschutzes ist der IS eine größere Bedrohung für Deutschland als Al-Kaida. Durch den IS und die Destabilisierung mehrerer Staaten in Nordafrika und im Nahen Osten bestünde eine direkte Gefahr. Dagegen sei Al-Kaida unter der Führung von Osama bin Laden trotz einiger spektakulärer Terroranschläge "eigentlich nie aus den Höhlen von Waziristan herausgekommen", sagte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, auf dem Europäischen Polizeikongress in Berlin.

Deutschland wird nach Einschätzung des Verfassungsschutzes vom IS und ähnlichen Terrorgruppen als Feind und Rekrutierungsgebiet zugleich angesehen. Von den 600 vorwiegend jungen Menschen, die als Dschihadisten nach Syrien und in den Irak gereist seien, sind seinen Angaben zufolge bis jetzt rund 200 nach Deutschland zurückgekehrt. Etwa 70 dieser mutmaßlichen Terroristen stehen im Verdacht, schwere Straftaten begangen zu haben. 70 militante Islamisten aus Deutschland sollen im Kriegsgebiet ums Leben gekommen sein.