"Kobani ist frei! Jetzt ist Öcalan dran!" In fast allen kurdischen Städten in der Türkei haben die Menschen auf der Straße getanzt, als sich die IS-Terroristen aus der nordsyrischen Stadt Kobani zurückzogen. In der Stadt Diyarbakır strahlt das Gesicht von Serok Apo, wie Abdullah Öcalans Anhänger ihren Führer nennen, von einer großen Bühne. Junge Männer und Frauen singen Guerilla-Lieder der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, Tausende tanzen mit. Alte Männer sitzen um Teekessel und strecken Zeige- und Mittelfinger zum V in die Luft. Fast Zehntausend mögen es sein, religiöse und säkulare Kurden, Familien, Kinder und einige Polizisten in Zivil. Angeblich wollten mehr kommen, aber die Polizei habe die Straßen gesperrt. Ein Dreijähriger trippelt in einer winzigen grünen Guerilla-Tracht an einem Wasserwerfer vorbei, der sicherheitshalber am Straßenrand parkt.

Die Freude ist laut und unbändig. Hört man die Sprecher auf der Bühne an, so scheinen ausschließlich bewaffnete Kurdinnen und ein paar Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungseinheit (YPG) die Terroristen aus der Stadt gejagt zu haben. Als seien die Bomben der internationalen Koalition gegen die selbst ernannten Dschihadisten sowohl selbstverständlich als auch sekundär für den Kampf. Immer wieder betonen die Redner die Freiheit und den Mut der Frauen, allerdings reden fast ausschließlich Männer, die Frauen singen.  

Die Menschen feiern den Sieg und wollen nichts von Widersprüchen wissen. Nicht jetzt. Nicht nach all der Angst und Wut der vergangenen Monate.

Ob der Rückzug auch eine Strategie der IS-Milizen sein könnte? Die meisten winken ab. Das Vertrauen in die kurdischen Einheiten ist riesig. "Ich habe jetzt keine Angst mehr", sagt Zaim. Er ist 52 und kommt aus Diyarbakır, ist religiös und lehnt die regierende AKP ab. "Ich bin einfach nur froh", sagt er. "Zwei meiner Neffen sind in Kobani gestorben, mir reicht es, wir wollen Frieden."

Kobani gewonnen, Kobani verloren

"Am liebsten würde ich nach Kobani fahren und Stein für Stein wieder aufeinander bauen", sagt eine junge Frau. Sie möchte ihren richtigen Namen nicht sagen und versteckt ein Grinsen hinter ihrem pink-orangen Schleier. "Kobani ist mir wichtig. Besonders wegen der Flüchtlinge, ich arbeite in dem Bereich." Weiter kommt sie nicht, weil ein Militärhubschrauber über die Versammlung donnert und auch das Gebrüll der PKK-Jugend übertönt. Die haben ihre Gesichter vermummt und schreien etwas von kurdischer Unabhängigkeit, die nicht mal ihr Serok Apo noch fordert.

In der türksichen Grenzstadt Suruç, wo die meisten der 200.000 Flüchtlinge aus Kobani leben, ist die Stimmung gelassener. Nur knapp zehn Kilometer sind es von hier bis zu ihrer Heimatstadt. Von Suruç aus haben sie den Krieg jenseits der Grenze mitverfolgt, standen mit Ferngläsern auf den Hausdächern, beobachteten Raketeneinschläge, Schusswechsel. 

Jetzt wollen sie zurück, seit Monaten sagen sie das schon. Doch viele Dörfer um Kobani werden noch immer von IS-Kämpfern kontrolliert. Und Kobani selbst liegt in Trümmern. Die Flüchtlinge sehnen sich nach einer Heimat, die es nicht mehr gibt.

Die Befreiung Kobanis mag als militärischer Sieg der syrischen Kurden gelten, wirtschaftlich haben sie fast alles verloren: "Die komplette Kanalisation in Kobani funktioniert nicht mehr, die Infrastruktur ist zerstört", sagt Zuhal Ekmez, Co-Bürgermeisterin von Suruç. Sie wirkt müde, der Krieg in Kobani hat Zehntausende Flüchtlinge, das türkische Militär und massenhaft Journalisten in das 56.000-Einwohner-Städtchen gebracht.