Am 11. Februar fuhr die Studentin Özgecan Aslan von Adana nach Mersin, von der Uni nach Hause zu ihrer Familie. Die 20-Jährige war die letzte Passagierin in dem kleinen Minibus (Dolmuş). Doch statt zur vorgesehenen Haltestelle zu fahren, änderte der 26 Jahre alte Fahrer wohl die Route. Seiner Aussage nach versuchte er, Aslan zu vergewaltigen. Sie wehrte sich mit Pfefferspray und Fingernägeln, die Kratzspuren waren bei der Verhaftung noch im Gesicht des Fahrers zu sehen. Er überwältigte die junge Frau, stach auf sie ein und prügelte sie mit einer Brechstange zu Tode. Anschließend soll er seinen Vater und einen Freund um Hilfe gebeten haben, die Leiche verschwinden zu lassen. Aslans Körper wurde teilweise verbrannt in einem Fluss gefunden. Der Täter gab an, ihr bei noch lebendigem Leibe die Hände abgeschnitten und dann verbrannt zu haben, um die DNA-Spuren ihres Mörders unter ihren Fingernägeln zu vernichten.

In der Türkei ist Gewalt gegen Frauen so alltäglich, dass die meisten Todesmeldungen gleichgültig oder mit bitterer Resignation aufgenommen werden. Doch der Mord an Özgecan Aslan löste landesweit Proteste aus, sowohl auf den Straßen als auch im Netz. In Istanbul, Izmir, Ankara und vielen türkischen Städten gingen zum Teil Tausende Frauen auf die Straße. Auch einige Dolmuşfahrer schlossen sich den Demonstrationen an, beispielsweise im südöstlichen Diyarbakir. 170 Fernsehmoderatoren folgten dem Aufruf, sich für Aslan schwarz zu kleiden. Der Hashtag #OezgecanAslan war am Montag mit mehr als zweieinhalb Millionen Tweets der beliebteste weltweit. Die Proteste sind hauptsächlich weiblich. Unter dem ebenso prominenten Hashtag #sendeanlat ("Erzähl auch du") teilen Frauen ihre persönlichen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen.

Eine Woche nach dem Mord streiten Parteien über den Umgang mit dem Mord und es hat sich eine Debatte über Gewalt gegen Frauen entwickelt, wie es sie in der patriarchalischen Türkei lange nicht gab.

Dass in der Türkei die Männer die Familienoberhäupter sind und bestimmen, ist nicht neu. Auch die Republikgründung im Jahr 1923 hat an diesem Geschlechterverhältnis wenig geändert. Doch die jetzigen Zahlen sind alarmierend: Nach Angaben der liberalen Medienorganisation Bianet ist die Gefahr, von einem Mann erschossen, erstochen oder totgeprügelt zu werden für eine Frau größer, als bei einem Autounfall oder an Krebs zu sterben. Gewalt gegen Frauen sei die Haupttodesursache unter Frauen zwischen 15 und 44 Jahren. Diese Zahlen der World Bank Data gelten auch für andere Länder mit einer hohen Rate an gender based violence, also Gewalt an Frauen. Ungefähr die Hälfte der Opfer würde in der Türkei laut Bianet von ihren eigenen Männern oder Verlobten getötet. Die Zahl der Morde an Frauen sei in den letzten zwei Jahren enorm angestiegen: Um fast 45 Prozent. Schon 2010 sorgte eine Statistik für Aufruhr, nach der sich die Zahl der ermordeten Frauen von 2003 bis 2010 mehr als verzehnfacht hat. 2003 war das Jahr, in dem die AKP von Recep Tayyip Erdoğan an die Regierung kam.

Taschengeld für den Bordellbesuch

Die AKP, die gerade in religiösen und konservativen Kreisen großen Einfluss hat, tut wenig dafür, Gewalt gegen Frauen  zu ächten. Ein Beispiel von vielen: Als vor wenigen Wochen der Vorschlag diskutiert wurde, "Panik-Knöpfe" für Frauen in Städten einzurichten, damit diese schneller die Polizei rufen können, sprach sich der AKP-Abgeordnete İsmet Ucma dagegen aus. Stattdessen solle man doch die "Nachbarschaftsehre" stärken. Ein geradezu sarkastischer Vorschlag, schließlich ist gerade der "Ehrenkodex" eine der Hauptursachen der Morde. Es ist auch bekannt, dass die Nachbarn und Augenzeugen bei Misshandlungen häufig wegsehen und still bleiben. Immer wieder werden Frauen auf offener Straße geprügelt, oft von ihren Männern oder anderen Familienangehörigen, und niemand greift ein, weil auch sie Gewalt für eine Familienangelegenheit und Frauenzüchtigung für notwendig halten.

Auch die Anhängerschaft der Partei meldet sich gern medienwirksam zu Wort: Am 2. Februar stellte der Anwalt Yavuz Balkan eine offizielle Anfrage an die Regierung, ledigen Männern ein wöchentliches Taschengeld von 75 Türkischen Lira (entspricht etwa 28 Euro) zur Verfügung zustellen. So könnten sie Prostituierte aufsuchen, statt Frauen zu vergewaltigen und umzubringen. Er sei überzeugt, argumentierte Balkan, dass die Rate der Morde an Frauen so um 99 Prozent gesenkt werden könne.

Der Mord an Özgecan Aslan illustriert aufs zynischste diese weit verbreitete Auffassung, die die triebgesteuerte "männliche Natur" achselzuckend hinnimmt und stattdessen Frauen zu "Schamhaftigkeit" als Selbstschutz ermahnt. Der Frust über diese Haltung ist riesig. So sind auch die enormen Proteste zu erklären. Sie richten sich nicht gegen den Mörder, für den übrigens auch die eigene Frau die maximale Strafe fordert, er hatte auch sie immer wieder geschlagen. Die Frauen protestieren gegen eine Gesellschaft, die Gewalt gegen Frauen strukturell verharmlost. Und gegen eine Regierung, die professionelles victim blaming im Wahlkampf einsetzt, also die weiblichen Gewaltopfer zu den eigentlich Schuldigen erklärt.

Gleichstellung? "Gegen die Natur"

Präsident Erdoğan selbst sprach Aslans Familie sein Beileid aus und erklärte, den Ermittlungen persönlich zu folgen. Er versprach, dafür zu sorgen, dass der Mörder die höchstmögliche Strafe bekommt, einige seiner Parteikollegen schlugen gar vor, die Todesstrafe wieder einzuführen. Erdoğan sprach von Gewalt an Frauen als "blutende Wunde unseres Landes", doch wetterte auch sofort gegen eine Frauengruppe, die tanzend gegen sexistische Gewalt demonstrierte. Das sei "kein Bestandteil unserer Kultur", so Erdoğan. Es sei, als ob die Frauen sich freuten und Aslans Tod feierten. Angemessener sei, der Familie Aslans Beileid auszusprechen. Eine der Initiatorinnen, Aylin Nazlıaka von der kemalistischen CHP, erklärte, die Aktion sei Teil einer generellen Kundgebung für Frauenrechte.

Frauenmörder in Datingshow

Das offizielle Frauenbild des Präsidenten will von Gleichstellung von Mann und Frau sowieso nichts wissen, diese wäre "gegen die Natur". Weibliche Journalistinnen forderte er öffentlich auf, "ihren Platz zu kennen". Frauen sollten in der Öffentlichkeit nicht laut lachen – und, wie seine neueste Kritik verstanden werden kann, auch nicht öffentlich singen und tanzen. In einer Rede an diesem Mittwoch erklärte er, die Frauenbewegung "habe nichts mit unserem Glauben und unserer Kultur zu tun". So stigmatisiert der Präsident der Türkei alle Bestrebungen nach Eigenständigkeit als unislamisch und versucht, die Frauen des Landes zurück in die Abhängigkeit von ihren Männern zu drängen. Eine Abhängigkeit, die Gewalt begünstigt.

Prävention dagegen gibt es in der Türkei kaum, Verharmlosung sehr wohl. Ein Teilnehmer einer Dating-Serie plauderte im Mai 2014 offen darüber, zwei seiner Frauen mit einer Axt getötet zu haben, unter anderem aus Eifersucht. Ein Großteil des Fernsehpublikums lachte.

Der Fall Özgecan ist besonders

In diesen Tagen ist niemandem zum Lachen zu Mute. Viele Frauen und auch Männer wünschen sich eine Veränderung in diesem System, das nicht nur Frauen unterdrückt. Doch werden zwei Hashtags keine soziopolitischen Strukturen aufweichen. Es ist außerdem wohl auch kein Zufall, dass gerade der Mord an Aslan den Protest auslöste. Sie war jung, hübsch, gebildet und offensichtlich selbstbewusst genug, sich zu wehren. Merkmale, mit denen sich viele türkische Twitter-Nutzerinnen identifizieren können. Und: Sie fuhr brav mit dem Bus von der Uni nach Hause, der Fahrer war ein Fremder und kein Onkel oder Verlobter, von sexy Klamotten oder "schamlosem Verhalten" ist nichts bekannt. Also können sich auch eher konservative Türken mit der jungen Frau solidarisieren.

Doch der Großteil der Betroffenen kommt aus dem armen, ungebildeten und traditionellen Umfeld. Irgendeine Türkin oder Kurdin vom Land, die von ihrem Ehemann hinter verschlossenen Türen malträtiert wird, wird niemals dasselbe mediale Interesse auslösen wie der Mord an einer hübschen, aufgeklärten Studentin. Die Gewalt gegen Frauen ist so tief in die Strukturen dieses Landes eingeschrieben und wird von seiner Regierung so systematisch verharmlost, dass die Therapie dieses Übels mit dem Fall Aslan bestenfalls gerade erst begonnen hat. Der Vater der getöteten Psychologiestudentin sagt es so: "Meine Tochter wollte die berühmteste Psychologin der Türkei werden. Ich glaube, das ist ihr gelungen."