Die Waffenruhe in der Ostukraine wird offensichtlich von beiden Seiten gebrochen. Laut dem ukrainischen Militärsprecher Anatoli Stelmachist schossen Separatisten binnen 24 Stunden 50 Mal auf Positionen ukrainischer Regierungssoldaten. Auch die Rebellenseite beklagte Angriffe. So habe es Angriffe auf Wohngebiete der Stadt Donezk gegeben, teilte der Nachrichtendienst der Separatisten mit. Dabei sei eine Frau getötet worden. Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bestätigten, dass sie am Donnerstag mehrfache Artilleriesalven in der Separatistenhochburg Donezk gehört hätten.

Der vorige Woche in Minsk ausgehandelte Waffenstillstand gilt offiziell seit Sonntag. Trotzdem wurde jeden Tag weiter gekämpft. Mitte der Woche eroberten die Rebellen den strategisch wichtigen Ort Debalzewe. Die ukrainischen Truppen mussten sich unter großen Verlusten zurückziehen. 

In Paris berieten Frankreichs Präsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel auch über die Lage in der Region. So schlossen beide Politiker am Freitag auch neue Sanktionen als letztes Mittel nicht aus. Wenn "bestimmte Punkte einfach nicht umgesetzt werden", stelle sich die Frage nach Sanktionen, sagte Merkel.

Das von Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel vermittelte Minsker Abkommen sieht neben der Waffenruhe den Abzug schwerer Waffen von der Front und mehr Rechte für die Rebellengebiete vor. Spätestens Ende dieses Jahres soll Kiew zudem wieder Kontrolle über die Grenze zu Russland übernehmen.

Doch auch sechs Tage nach dem geplanten Inkrafttreten des Waffenstillstands deutet wenig darauf hin, dass dieser Plan eingehalten wird. Am kommenden Dienstagabend wollen die Außenminister von Deutschland, Frankreich, Russland und der Ukraine in Paris erneut über die Lage beraten.

Das ukrainische Militär teilte mit, das Dorf Kurachowo westlich der Rebellenhochburg Donezk sei von Raketen getroffen worden. Im Dorf Berdjansk in der Nähe der Hafenstadt Mariupol seien Artilleriegeschosse und Mörsergranaten eingeschlagen. Militärsprecher Stelmach warf Russland vor, unter anderem zehn Panzer in den Ort Nowoasowsk bei Mariupol verlegt zu haben. Damit wächst die Sorge, dass der Waffenstillstand die Rebellen lediglich dazu animiert hat, weitere Gebiete zu erobern, die für sie und Russland von strategischem Wert sind.

Mariupol am Asowschen Meer liegt auf der Landverbindung zwischen Russland und der von Moskau annektierten Halbinsel Krim. Bereits im vergangenen Jahr hatte die ukrainische Regierung gewarnt, die Separatisten könnten mit russischer Hilfe versuchen, eine Landverbindung zur Krim zu erobern. Die EU hat für diesen Fall mit scharfen Wirtschaftssanktionen gegen Russland gedroht.

Dem Korrespondenten des britischen Telegraph berichtete ein ukrainischer Kommandeur aus Mariupol, die russische Luftwaffe fliege aktuell Aufklärungsflüge direkt auf der anderen Seite der nahen Grenze.

Die nationalistische Opposition in Kiew warf der Regierung von Präsident Petro Poroschenko vor, die Soldaten in Debalzewe nicht genügend unterstützt und so den Verlust der Stadt herbeigeführt zu haben.

Nach dem Rückzug der ukrainischen Soldaten aus dem Verkehrsknotenpunkt Debalzewe kündigten die Separatisten an, sie seien zu einem Gefangenenaustausch in den kommenden Tagen bereit. Zur Versorgung der notleidenden Menschen unter anderem in Debalzewe schickte Russland erneut einen seiner umstrittenen Konvois mit Hilfsgütern ins Konfliktgebiet. Nach Angaben des Zivilschutzes überquerten 30 Lastwagen mit insgesamt rund 200 Tonnen Hilfsmitteln die Grenze. Frühere Lastwagenkolonnen waren deutlich größer. Die Ukraine kritisiert die Lieferungen als Verletzung ihrer Souveränität und befürchtet, dass Russland den Separatisten Waffen liefern könnte.

In dem Konflikt sind nach Angaben der Vereinten Nationen bislang mehr als 5.600 Menschen getötet und mehr als eine Million vertrieben worden. Kiew und der Westen werfen Russland vor, die Rebellen mit Geld, Waffen, Munition und regulären Soldaten zu unterstützen. Moskau bestreitet das.