Wenn sie heute in Minsk zusammensitzen, dann wissen sie, dass dies vielleicht die letzte Chance ist, im Ukraine-Konflikt doch noch eine friedliche Lösung zu finden. Bundeskanzlerin Merkel, Russlands Präsident Putin, der ukrainische Staatschef Poroschenko und Frankreichs Staatspräsident Hollande: Auf diese vier kommt es nun an.

"Die Frage nach Krieg und Frieden ist wieder da", hat Bundesaußenminister Steinmeier am Wochenende auf der Münchner Sicherheitskonferenz gesagt. Und jeder im Saal des Bayerischen Hofes spürte eine Anspannung, wie es sie seit dem Jahr 2003 nicht mehr gegeben hat, als Europäer und Amerikaner im Streit um den Irak-Krieg hart aufeinander prallten.

Die Bundeskanzlerin hat in der Zuspitzung der vergangenen Tage an Statur gewonnen. Sie, die sich sonst immer gern ins Vage flüchtet und die Dinge treiben lässt, agiert zielstrebig und entschlossen. Europäer und Amerikaner haben ihr in dieser Krise die Führung anvertraut. Damit hat sie eine gewaltige Verantwortung übernommen – für die deutsche Politik und auch für sich persönlich.

Keine Obstruktion Wladimir Putins, keine Kränkung durch amerikanische Senatoren hat sie von ihrer Überzeugung abbringen können, dass die Krise in der Ukraine nur politisch zu lösen ist. Die Kanzlerin lässt nicht nach in ihrem Widerstand gegen Waffenlieferungen an die Regierung in Kiew.

"Militärisch ist das alles nicht zu gewinnen", hat sie in München gesagt, "das ist die bittere Wahrheit." Unbeirrt hat sie sich amerikanischem Drängen entgegengestemmt, den "Preis" für Putins fortgesetzte Aggression hochzutreiben.

Im Weißen Haus hat sie ihre Position gestern noch einmal bekräftigt. Barack Obama stimmte ihr zu, wies aber zugleich seine Sicherheitsberater an, "alle Optionen zu prüfen".

Merkels Logik ist so einfach wie bestechend: Selbst umfangreichste Waffenlieferungen würden die Streitkräfte der Ukraine nicht zu einem ebenbürtigen Gegner der russischen Armee machen. Waffen für Kiew würden, im Gegenteil, mehr Waffen für die Separatisten in der Ostukraine nach sich ziehen. Die Kämpfe würden sich ausweiten. Eine Eskalation begänne, aus der beide Seiten nur noch schwer herausfänden.

Plötzlich ist da eine Leidenschaft, die man bei Angela Merkel bisher nicht kannte. Sieben Jahre alt sei sie gewesen, als die Mauer gebaut wurde. Und zum Glück habe der Westen nicht versucht, den Mauerbau mit Waffengewalt zu verhindern. Schließlich, nach fast drei Jahrzehnten, sei die Mauer gefallen. Wie damals müsse die Politik auch heute "einen langen Atem" haben.

Die Falken in Washington haben diesen langen Atem nicht. Sollten die Gespräche in Minsk scheitern, wird der Druck auf Präsident Obama, Waffenlieferungen zuzustimmen, enorm wachsen. Das Unglück nähme seinen Lauf.

Wir können nur froh sein, dass sich die Bundeskanzlerin in ihrem beharrlichen Bemühen um eine diplomatische Lösung nicht hat beirren lassen. Frustriert und genervt von Putins Kurs der Aggression und der Destabilisierung hätte sie längst ins Lager der Hardliner umschwenken können. Aber sie hat es immer wieder neu versucht, hat immer wieder zum Telefon gegriffen, hat immer wieder das Flugzeug bestiegen. 

Beim G-20-Gipfel in Brisbane schien Merkels Geduld erschöpft zu sein. Aber dann hat sie sich doch wieder auf den Weg gemacht – nach Kiew, Moskau, München, Washington, Ottawa, Minsk. Die Friedenssuche ist ein unsagbar mühevolles Geschäft. Aber wer nicht will, dass aus dem Ruf nach Waffen ein Ruf zu den Waffen wird, muss der Bundeskanzlerin für ihre Beharrlichkeit dankbar sein.

Wie Frank-Walter Steinmeier in München sagte: "In der Diplomatie mag Penetranz sogar eine Tugend sein."