In einem sind sich viele westliche Beobachter einig: Der Angriff der prorussischen Separatisten auf den ostukrainischen Eisenbahnknotenpunkt Debalzewe verstößt eklatant gegen den in Minsk vereinbarten Waffenstillstand. Doch trotz aller Dramatik und Kritik dürfte der Fall des Ortes nach Ansicht von EU-Diplomaten nichts daran ändern, dass die Konfliktparteien in der Ostukraine weiter an dem vergangene Woche unter deutsch-französischer Aufsicht geschlossenen Abkommen festhalten werden. Es sei zwar "belastet", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Aber eine Alternative sehen derzeit weder die Verantwortlichen in der EU noch in Washington.

Die Bundesregierung bleibe bemüht, die Lage in der Ukraine nicht weiter eskalieren zu lassen, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Die nächsten Schritte zur Umsetzung der Minsker Vereinbarungen müssten gegangen werden. Die französische Sicht der Lage ist ähnlich: Das Minsker Abkommen sei nicht tot, sagte Regierungssprecher Stéphane Le Foll. Frankreich werde "alles tun, um dieses Abkommen mit Leben zu erfüllen".

Die französische Seite bewertete die Einnahme der Stadt Debalzewe durch die Separatisten lediglich als "eine Anwendungsschwierigkeit" bezüglich eines konkreten Punktes. "Wir werden weitermachen, wir wissen, dass wir Probleme haben, wir wissen, dass nicht alles geregelt ist", sagte Le Foll. Es gebe aber einen "Fortschritt" seit dem Minsker Abkommen.

Direkte Vorwürfe gegen Putin

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen (CDU), erhob dagegen scharfe Vorwürfe direkt gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Russland bestreitet etwa, dass die eingekesselte Stadt Debalzewe Teil der verhandelten Feuerpause sei. "Dass Debalzewe nicht Teil der verhandelten Feuerpause sein sollte, ist eine Behauptung ohne Grundlage im Text der Abmachung. Im Gegenteil, die Situation der umzingelten Stadt war der zentrale Auslöser für die diplomatische Initiative", sagte Röttgen Spiegel Online. "Man muss das Verhalten Putins als Katz-und-Maus-Spiel betrachten: Er nutzt seinen Platz am Verhandlungstisch, um Macht und Einfluss auszudehnen, ohne sich anschließend an die die Separatisten und Russland betreffenden Absprachen zu halten. Die vertragswidrige Einnahme von Debalzewe darf nicht ohne Konsequenzen bleiben."

In Brüsseler Diplomatenkreisen hieß es, neue EU-Sanktionen seien erst wahrscheinlich, wenn weitere Punkte des Abkommens gebrochen würden. Die EU werde angemessen reagieren, sollte das Minsker Abkommen weiterhin verletzt werden, sagte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini. Der britische Außenminister Philip Hammond plädierte dafür, die Verlängerung der im Juli auslaufenden Sanktionen zu prüfen.

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras äußerte sich kritisch und ließ offen, ob er einer Verlängerung oder Verschärfung von EU-Sanktionen gegen Russland zustimmen würde. "Ein Wirtschaftskrieg gegen Russland bringt nichts", sagt er dem stern. Er wolle, dass die EU mit einer Stimme spreche. "Aber auch Griechenland leidet unter den Sanktionen."

Kiew bittet erneut um Militärtechnik

Die USA hatten Russland bereits früher vor Konsequenzen gewarnt, sollte das Minsker Abkommen nicht eingehalten werden. US-Präsident Barack Obama behält sich Waffenlieferungen an die ukrainische Armee vor. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hatte in einem Telefonat mit US-Vizepräsident Joe Biden nach Angaben aus Kiew erneut um Unterstützung mit Militärtechnik gebeten. Russlands Außenminister Sergej Lawrow warnte den Westen erneut vor diesem Schritt. Die Lage in Debalzewe dürfe nicht zu einem Vorwand werden, den Friedensprozess scheitern zu lassen.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg forderte Russland auf, "seine Kräfte aus der Ostukraine zurückziehen, seine Unterstützung für die Separatisten zu stoppen und die Minsker Übereinkunft zu achten". Er betonte: "Die Minsker Vereinbarung und die Waffenruhe bleiben die wichtigsten Werkzeuge, die wir haben, um eine verhandelte, friedliche Lösung des Konflikts in der Ukraine zu erreichen."

Am Abend wollen der französische Präsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Putin und Poroschenko in einer Telefonkonferenz über die Entwicklung beraten. Poroschenko hatte für den Fall des Scheiterns des Waffenstillstands angekündigt, das Kriegsrecht über das ganze Land auszurufen und die Kämpfe auszuweiten.