Die prorussischen Separatisten in der Ostukraine haben den strategisch wichtigen Verkehrsknotenpunkt Debalzewe eingenommen und ukrainische Soldaten gefangen genommen. Die Stadt sei zu 80 Prozent unter ihrer Kontrolle, meldeten die Separatisten. "Nur ein paar Wohnviertel sind noch übrig", sagte Separatistensprecher Eduard Bassurin in Donezk. Die ukrainische Regierung bestätigte die weitgehende Einnahme der Stadt. "Straßenkämpfe dauern an", teilte das Verteidigungsministerium in Kiew mit. Erstmals räumte die ukrainische Armee ein, dass mehrere Militäreinheiten in Debalzewe eingekesselt seien.

Die Separatisten würden bei ihren Angriffen von Artillerie und gepanzerten Fahrzeugen unterstützt, hieß es aus Kiew. Mehrere Soldaten seien gefangen genommen worden. Zugleich dementierte das Ministerium Berichte, wonach es sich um eine große Zahl von Gefangenen handeln soll. Der stellvertretende regionale Polizeichef Ilja Kiwa hatte zuvor berichtet, die Rebellen seien am Morgen mit Gewehren, Mörsergranaten und Raketenwerfern in die Stadt eingedrungen. Nach Angaben russischer Medien wurde bei den Kämpfen auch der Separatistenführer der selbst ernannten Volksrepublik Donezk, Alexander Sachartschenko, verletzt.

Debalzewe ist ein strategisch wichtiger Verkehrskontenpunkt, der die von Separatisten kontrollierten Städte Donezk und Luhansk verbindet. In der Stadt sollen in den vergangenen Tagen bis zu 8.000 ukrainische Soldaten eingekesselt gewesen sein. Nach Angaben der Separatisten sind sie aus der Stadt vertrieben worden, mehr als 300 gegnerische Soldaten seien gefangen genommen worden. Auch gebe es "viele Opfer" in den Regierungseinheiten, sagte Bassurin. "Wir durchkämmen die Stadt nach weiteren Soldaten."

Da derzeit weder Journalisten noch Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in die Stadt gelassen werden, lassen sich die Angaben nicht überprüfen. Die Vereinten Nationen teilten mit, es gebe noch keine verlässlichen Informationen aus der Stadt. Es werde aber befürchtet, dass sich in Debalzewe noch einige Tausend Menschen befänden, die sich in "Kellern verstecken und darum kämpfen, Nahrung und Wasser aufzutreiben", teilte der UN-Kommissar für Menschenrechte, Rupert Colville, mit.  

Die Separatisten hatten bereits angekündigt, dass sie den Kampf um Debalzewe trotz des vereinbarten Waffenstillstands nicht beenden würden. "Dazu haben wir nicht das Recht", sagte der Rebellenführer Denis Puschilin in Donezk. "Das ist auch eine moralische Angelegenheit." Puschilin fügte hinzu: "Wir müssen auf das Feuer reagieren und an der Zerstörung der feindlichen Kampfstellungen arbeiten."  

Nach offiziellen Angaben der ukrainischen Regierung waren trotz der Vereinbarung von Minsk bis Dienstagmorgen binnen 24 Stunden fünf Soldaten getötet worden. Weitere 14 Militärangehörige seien verletzt worden, sagte ein Armeesprecher. Die meisten Opfer habe es nahe Debalzewe gegeben.

Separatisten kündigen stellenweise Abzug von Waffen an

Auch nach Erkenntnissen der Bundesregierung wird die seit Sonntag gültige Waffenruhe nicht umfassend befolgt. Eigentlich sollte am Dienstag mit dem Rückzug schwerer Waffen begonnen werden. "Wir sind jederzeit bereit", sagte Puschilin. Separatistensprecher Bassurin sagte, man werde mit dem Abzug schwerer Waffen beginnen an jenen Frontabschnitten, an denen der Waffenstillstand eingehalten wird, nicht jedoch in Debalzewe.

Vonseiten der ukrainischen Armee sagte Lyssenko in Kiew: "Es gibt vonseiten der Aufständischen keine wirkliche Waffenruhe." Deswegen könnte mit dem Abzug der schweren Waffen nicht begonnen werden. Die Armee sei weiter bereit zur Bildung einer Pufferzone. "Unsere Stellungen werden aber wiederholt unter Feuer genommen", sagte er. Separatisten und Militär hatten bereits am Montag erklärt, sie würden mit dem Abzug erst beginnen, wenn dies auch die andere Seite tue.

Verhandlungen am Dienstag

Die russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti zitierte den Rebellenführer Andrej Purgin mit den Worten, die Separatisten wollten noch am Dienstag mit Vertretern der Ukraine und Russlands über einen möglichen Rückzug der Waffen diskutieren. Beteiligt sein werde auch die OSZE, die mit der Überwachung des Waffenstillstands in der Ostukraine betraut ist. Dieser war vorige Woche unter deutsch-französischer Vermittlung von der Ukraine, Russland und den Rebellen akzeptiert worden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte am Montagabend mit den Präsidenten Russlands und der Ukraine telefoniert. Dabei seien "konkrete Schritte" vereinbart worden, um eine Beobachtung der Lage in Debalzewe durch die OSZE zu ermöglichen, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert am Dienstag mit.