Die Bewohner von Caracas sind einiges gewohnt: Stundenlanges Schlange stehen für Zucker, Fleisch und andere Grundnahrungsmittel gehört für sie zum Alltag. Längst koordinieren Familien, Freunde und Nachbarn die Suche nach Shampoo, günstigem Maismehl und Olivenöl. Nicht wenige bezahlen ihre Angestellten oder Laufburschen, damit sie sich in die Warteschlangen stellen.

Doch jetzt hat die Krise in Venezuela eine neue Dimension der Demütigung erreicht: Im ganzen Land sind Kondome knapp geworden. Die wenigen Packungen, die noch in Apotheken oder MercadoLibre – einer Website für seltene Konsumgüter – zu haben sind, kosten ein Vermögen: Nach derzeitigem offiziellen Währungskurs 4.760 Bolivar (660 Euro).

Weil der Ölpreis stark gesunken ist, sind Venezuelas Einnahmen eingebrochen. Das Ölgeschäft steht für rund 90 Prozent der Deviseneinnahmen. Zudem kämpft Venezuela mit einer enormen Teuerungsrate. Da der Opec-Staat etwa 70 Prozent aller im Land verbrauchten Güter importiert, sind Konsumartikel wie Windeln und Deodorants seit Monaten knapp. Doch der Mangel an Kondomen könnte dramatischere Folgen haben: Venezuela hat unter allen südamerikanischen Staaten eine der höchsten Raten an HIV-Neuinfektionen und Jugendschwangerschaften. Abtreibungen sind in dem sozialistischen Land verboten.

Jhonatan Rodríguez von der Organisation StopVIH sagte dem Wirtschaftsdienst Bloomberg: "Ohne Kondome können wir nichts ausrichten." Alle Präventionsprogramme seien aufgrund der Versorgungslage in Gefahr. Schon fürchten Experten, dass die Zahl heimlicher Schwangerschaftsabbrüche zunehmen wird, verbunden mit dem erhöhten Risiko, dass Mädchen und Frauen bei dem Eingriff sterben können. Gravierend kommt laut StopVIH außerdem hinzu, dass auch die Vorräte für Antibabypillen und Medikamente für HIV-Patienten langsam zur Neige gehen.

Maduro spricht von einem Wirtschaftskrieg

Die Regierung des linkspopulistischen Staatschefs Nicolás Maduro hat den Versorgungsnöten in der Bevölkerung nichts entgegenzusetzen. Maduro ist zum Verwalter der Krise geworden, der schon jetzt mit Dekreten regiert und sich regelmäßig in Beschuldigungen und Verschwörungstheorien verliert.

Maduro spricht von einem Wirtschaftskrieg und Putschversuchen gegen ihn. Die Opposition beschuldigt er, gegen die Regierung zu konspirieren und das Land destabilisieren zu wollen. Eine Gruppe von Exil-Venezolanern in Miami sieht er zudem hinter den jüngsten Schritten der US-Regierung, die die Visa-Beschränkungen auf weitere ehemalige und aktuelle venezolanische Regierungsvertreter ausgeweitet haben.

Regierung besetzt Supermärkte

Maduros Regierung ist kaum noch in der Lage, die Sicherheit im Land zu gewährleisten, geschweige denn, die Unzufriedenheit in der Bevölkerung einzudämmen. Beispielhaft dafür steht seine Anordnung zu Beginn der Woche, die Geschäfte der Supermarktkette Día a Día zu besetzen. Mehrere Manager der Firma ließ die Regierung festnehmen, weil sie Lebensmittel gehortet und so die Preise in die Höhe getrieben haben sollen.

"Sie sind festgenommen worden, weil sie das Volk provoziert haben und am Wirtschaftskrieg beteiligt sind", sagte Maduro. Die Manager des Unternehmens bezeichnete er als "Parasiten", die absichtlich lange Warteschlangen vor den Geschäften verursacht hätten, indem sie die Zahl der Mitarbeiter in den Läden verringert hätten.

Parlamentspräsident Diosdado Cabello sagte zwar, die Maßnahmen gegen die Supermarktkette seien nur temporär, solange es Unregelmäßigkeiten bei der Verteilung von Lebensmitteln gebe. Doch die Versorgungskrise hat Venezuela seit drei Jahren im Griff. Unwahrscheinlich, dass sich daran in nächster Zeit etwas ändern wird.