Alle Welt rätselt: Wladimir Putin – was ist das für einer? Was will er? Was sind seine Ziele? Und was wird er wohl als Nächstes unternehmen?  

Die Putinologen sind sich darüber so wenig einig wie während des Kalten Krieges die Kremlinologen über die Verfasstheit der sowjetischen Führung. Die einen halten ihn für einen ruchlosen Aggressor, die anderen für eine verletzte Seele, während eine dritte Gruppe meint, er sei weniger auf territoriale Erweiterung aus als vielmehr auf die ideologische Abschottung Russlands von den verderblichen Einflüssen der dekadenten westlichen Kultur. In Le Monde hat jetzt Alain Frachon versucht, die drei Gruppen auseinanderzusortieren – Denkschulen, die es nicht nur in Frankreich gibt, sondern auch anderwärts im Westen.

Putin, der ruchlose Aggressor. Ihn sieht vor allem Michael Eltchaninoff in seinem Buch Dans la tête de Vladimir Poutine. Für Eltchaninoff stellt sich der Kremlherrscher, getrieben von der nostalgischen Sehnsucht nach dem alten Russland, in die Zarenreihe der "Sammler russischer Erde". Die Auflösung der Sowjetunion sei für Putin nicht bloß eine geopolitische Katastrophe, sondern auch ein menschliches Drama, da es 25 Millionen Russen oder Russischsprachler außerhalb der neuen Landesgrenzen lassen. Ihnen gegenüber fühle er sich als Schutzherr; da scheue er auch vor "Imperialismus à la carte" nicht zurück.

Ähnliche Einschätzungen sind durchaus auch anderswo zu hören. Der Begriff "ruchloser Aggressor" stammt aus einem Leitartikel der Welt, die ihn als "machtbesessen und zu jedem Risiko bereit" beschreibt; Putins Ukraine-Krieg gilt dem Blatt als Teil "eines größeren Projekts russischer Weltpolitik, (...) um das westliche Modell einer Weltordnung zum Einsturz zu bringen." Auch in der FAZ heißt es: "Gestern die Krim, heute der Osten der Ukraine, und was kommt morgen? Europa hat von Putin noch einiges zu erwarten. Was, das ahnen vor allem die Polen und die Balten." In offiziellen Äußerungen stützt die Nato diese Lesart: Was die Ukraine durchmacht, drohe auch den osteuropäischen Bündnisstaaten, erklärte General Adrian Bradshaw in London; Russland stelle also eine existenzielle Gefahr dar. Ähnlich denkt Philip Stephens, außenpolitischer Kommentator der Financial Times: "Der Revanchismus des russischen Präsidenten reicht weit über die Ukraine hinaus." Der angesehene deutsche Historiker Karl Schlögel führt Putins Ausgreifen auf die innere Schwäche Russlands zurück: "Es ist einfacher, einen kleinen Krieg zu führen, als die Autobahn zwischen Moskau und Petersburg zu bauen."

Putin, die verletzte Seele. Diese Ansicht vertritt zum Beispiel die britische Putin-Biographin Fiona Hill, doch nicht nur sie. Er habe ein gleichwertiger Partner des Westens sein wollen, auch in der Nato, sei jedoch rüde zurückgestoßen worden – von George W. Bush durch dessen Raketenabwehrpläne und den Versuch, die Ukraine und Georgien in die westliche Allianz einzubeziehen; die georgische Rosen-Revolution 2003 und die ukrainische Orange Revolution 2004 habe er als bedrohliche CIA-Projekte empfunden. Auch habe es seinen Stolz verletzt, dass Bushs Nachfolger Obama nicht auf Augenhöhe mit ihm verkehren wollte – er bezeichnete Russland abfällig als "Regionalmacht", obwohl die Lösung schwieriger weltpolitischer Probleme wie Iran, Syrien, Nordkorea und Rüstungskontrolle ohne Moskau undenkbar ist. Persönlich verletzend muss er dann auch Obamas hämische Bemerkung empfunden haben, er benehme sich wie ein Lümmel, der sich in der hintersten Schulbank der Klasse herumfläze.

Auch von Europa, in dem er sich noch Anfang der nuller Jahre verankern wollte, hat sich der Kremlherr inzwischen abgewendet; er betrachtet es, überall Verschwörung witternd, nur noch als verlängerten Arm der CIA. Dabei sind sich die westlichen Experten uneins, ob er wirklich plant, die postkommunistischen Grenzen in Europa gewaltsam zu verändern. Viele bezweifeln es. Einige glauben, er habe seit Langem vorgehabt, die Krim in einer gewaltsamen Heim-ins-Reich-Aktion wieder an Russland anzuschließen und sich danach der Ostukraine zu bemächtigen. Andere vertreten die Ansicht, Putin habe lediglich die Gelegenheit ergriffen, als sie sich bot, und habe unter dem Druck der russischen Ultranationalisten auch die ukrainischen Separatisten nicht verlieren lassen können. Auch liege ihm sehr daran, zwischen dem Westen und Russland Pufferzonen zu schaffen; frozen conflicts wie in Georgien und Transnistrien – oder bald der Donbass? – dienten eindeutig diesem Zweck. Sicherheit sei ihm wichtiger als Expansion, argumentiert beispielsweise Mary Dejevsky im Guardian.

Putin, der Isolationist und Populist. Ihn beschreibt die dritte Denkschule, vertreten etwa von Ivan Krastev und Stephen Holmes. Sie argumentiert völlig anders. Zitat: "Putins Politik hat fast nichts mit Russlands traditionellem Imperialismus oder Expansionismus zu tun (...) Putin träumt nicht davon, Warschau zu erobern oder Riga aufs Neue zu besetzen. Im Gegenteil: Seine Politik ist der Ausdruck eines aggressiven Isolationismus. Sie ist der Kern seiner Abwehr einer Bedrohung, die nicht von der Nato ausgeht, sondern von der weltweiten wirtschaftlichen Interdependenz" – einer gegenseitigen Abhängigkeit, bei der Russland nicht mithalten kann.

Krastev und Holmes bestreiten, dass sich der russische Präsident von einem populären Kulturkonservatismus leiten lasse. Den sehen andere Beobachter jedoch als ausschlaggebend an. Auch sie erkennen, dass er offene Grenzen fürchtet und auf Abschottung aus ist, doch schreiben sie dies seiner Überzeugung zu, dass der westliche Einfluss, die Dekadenz Europas ("Gayropa"), seine postnationalistische Ordnung das russische Grundgefühl bedroht; daher seine Hinwendung zur Orthodoxie, zum Neo-Panslawismus, zum Eurasien-Traum des politphilosophischen Rechtsauslegers Dugin, zur Mobilisierung des Volkes durch aufputschende patriotische Reden.

Was soll die Politik aus diesen unterschiedlichen Lesarten machen? Welche richtig ist, werden erst die Historiker feststellen können. Jetzt ist es wohl am Vernünftigsten, wie Le Monde von dem "Cocktail Putin" auszugehen – ihn also als ein Chamäleon anzusehen, der alles sein kann: Aggressor, wenn er nicht abgeschreckt wird; verletzte Seele, die durch das Eingeständnis und die Korrektur eigener Fehler zu begütigen wäre; Neo-Panslawist, dem die Abkehr von Europa durch ein überwölbendes Zusammenarbeitsprojekt wohl auszureden wäre.

Voraussetzung für die beiden letzten Optionen ist freilich eine befriedigende, befriedende Lösung der Ukraine-Krise.