Plötzlich erwünscht in Afghanistan

Ein Dank an die ausländischen Soldaten – Hamid Karsai wäre so etwas nur schwer über die Lippen gekommen. Der frühere afghanische Präsident, der das Land bis zum vergangenen September regierte, hatte am Ende nichts Positives mehr zu sagen über den internationalen Kampfeinsatz, der doch einst auch der Wille seiner Regierung war.

Dabei hatte der Westen ihn nach dem Sturz des Taliban-Regimes ins Amt gebracht, seine korrupte Machtpolitik finanziert und ihn reich gemacht, ihn bis zuletzt gestützt. Doch Karsai war der ausländischen Truppen überdrüssig geworden: Sie sollten nach 14 Jahren Krieg endlich gehen, dann würde schon Frieden werden, so dachte Karsai: Afghanistan sei bereit, es allein zu schaffen.

Sein Nachfolger Aschraf Ghani, der in diesen Tagen durch die USA tourt, nimmt großen Abstand von dieser Vorstellung. Ghani weiß: Er braucht die Hilfe der Amerikaner, ihr Geld sowieso. Also bemüht sich der Präsident um einen Neustart der Beziehungen. Sein USA-Besuch ist von wiederentdecktem Respekt geprägt.

Schon mit dem Beginn seiner Amtszeit schlug Ghani neue Töne an, nutzte jede Gelegenheit, deutlich zu machen, wie dankbar sein Land für den Einsatz der internationalen Koalition sei und damit vor allem der Hunderttausenden amerikanischen Soldaten, die dort seit 2001 den Kampf gegen den Terror führten. Vor mehr als 200 US-Veteranen fand Ghani am Montag im Pentagon einmal mehr Worte der Verbundenheit für die Opferbereitschaft derer, die Frieden und Hoffnung bringen wollten. Auf dem Nationalfriedhof in Arlington legte er einen Kranz am Grabmal des Unbekannten Soldaten nieder.

Afghanistan will USA nicht weiter zur Last fallen

Der neue afghanische Präsident drängt die USA geradezu, ihr Engagement in Afghanistan beizubehalten: Er hat umgehend das bilaterale Sicherheitsabkommen unterzeichnet, das sein Vorgänger verwehrte und das die Regeln für den Verbleib der US-Truppen nach dem Ende des Kampfeinsatzes festlegt.  

Vor allem will Ghani nun, dass Washington noch einmal über den Zeitplan des Abzugs seiner noch knapp 10.000 US-Soldaten im Land nachdenkt. Denn das Ausbildungsniveau der afghanischen Armee ist weit davon entfernt, dass Ghani im Kampf gegen die Taliban sein ganzes Vertrauen in sie setzen könnte. Immerhin, die USA haben Finanzhilfen versprochen, die sicherstellen sollen, dass die afghanische Armee auch 2017 weiter 352.000 Soldaten umfassen kann. Es hapert jedoch weiterhin an maßgeblichen Fähigkeiten zur Unterstützung aus der Luft, logistischen Kapazitäten und der notwendigen Informationsbeschaffung.

Über die kommenden neun Monate sollte die US-Truppe in Afghanistan eigentlich auf rund 5.500 Mann reduziert werden, spätestens ab Ende 2016 war nur noch ein kleines Kontingent geplant, vor allem mit dem Auftrag, die Botschaft in Kabul zu schützen. Nun deutet sich an, was Präsident Barack Obama womöglich noch im Beisein seines Gastes verkünden wird: Weitere eineinhalb Jahre könnte es bei knapp 10.000 US-Soldaten bleiben; die anderen internationalen Truppensteller könnten den Abzug ihrer rund 3.000 Soldaten ebenfalls verlangsamen, Gespräche laufen bereits.

Es bliebe dann auch nicht bei der Beratung und Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte, dem Mandat der Nato-geführten Nachfolgemission Resolute Support. Die USA könnten weiter Dschihadisten im Land bekämpfen, wenn auch in begrenztem Umfang.

Trotz aller Aufgeschlossenheit wollen Ghani und sein früherer Rivale und heutiger Regierungspartner Abdullah Abdullah in Washington nicht den Eindruck erwecken, dass sie sich vor der eigenen Verantwortung drücken und zu viel von den Amerikanern erwarten. "Afghanistan bittet die Vereinigten Staaten nicht, unseren Job für uns zu erledigen", schrieben die beiden dieser Tage in einem Beitrag für die Washington Post. "Unser ultimatives Ziel ist Eigenständigkeit." Das Land werde den USA nicht weiter zur Last fallen, sagte Ghani in Washington, und "sein Haus in Ordnung bringen".

Nie wieder Ausgangsbasis für Terrorangriffe

Die US-Regierung ist auf der einen Seite erleichtert, dass sich die Beziehungen zu Afghanistan normalisiert haben. Auf der anderen Seite räumen Diplomaten ein, man sei enttäuscht von Ghanis bisher geringem Engagement bei der Bekämpfung der Korruption und des Drogenhandels. Von der Ernsthaftigkeit seiner Bemühungen um die politische Einheit seines Landes sei man noch nicht überzeugt.

Die Regierungsbildung im Herbst hatte lange gedauert, schließlich einigten sich Ghani und sein gleich starker Rivale Abdullah doch, die Macht zu teilen, um ein gefährliches Vakuum zu beenden. Bis heute aber sind die Regierungsämter nicht vollständig besetzt – das Ringen um die Macht findet kein Ende. Von Reformen hängen auch bis zu 800 Millionen Dollar für den Wirtschaftsaufbau und die Verbesserung des Finanzsystems ab, die die USA den Afghanen in Aussicht gestellt haben. Den Amerikanern gibt das neuerliche Drängen der Afghanen auf weitere militärische Kooperation ein zusätzliches Druckmittel in die Hand.

Irgendwann wird die US-Armee endgültig abziehen. Präsident Obama ist ohnehin nicht bereit, Zusagen über das Ende seiner letzten Amtszeit hinaus zu geben. Zwar gibt es gerade im Lager der US-Republikaner Warnungen, man dürfe nicht die Fehler aus dem Irak wiederholen und sich zu schnell zurückziehen. Doch bislang sieht es danach aus, dass der Abzug der Soldaten zwar verlangsamt, aber nicht verschoben, schon gar nicht aufgegeben wird. Auch wenn die Afghanen wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen, um die drohenden Gefahren aufzuzeigen: "Weil Afghanistan nie wieder eine Ausgangsbasis für Terrorangriffe werden darf, wollen wir weiter mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeiten", schreiben sie in der Washington Post.

Bei aller Fokussierung auf die Sicherheitslage, bedeutet Stabilität für Afghanistan auch, das zu behalten, was in den vergangenen Jahren erreicht wurde. US-Außenminister John Kerry hat es erfasst, nachdem er Ghani und Abdullah mit Verteidigungsminister Ashton Carter in Camp David getroffen hatte: "Die Lebenserwartung ist um 20 Jahre gestiegen. Die Gesundheitsversorgung ist deutlich verbessert. Die Zahl der Kinder, die zur Schule gehen, ist von 900.000 auf 8 Millionen gestiegen, davon sind 40 Prozent Mädchen."