Amnesty International kritisiert die Menschenrechtslage auf der Halbinsel Krim. Seit der Annexion durch Russland vor einem Jahr kam es der Organisation zufolge zu mehreren Menschenrechtsverletzungen. Zahlreiche Kritiker des neuen Regimes seien entführt und gefoltert worden, ohne dass es sichtbare Ermittlungen gebe, teilte Amnesty am Mittwoch mit. Mindestens ein entführter Oppositioneller sei später tot aufgefunden worden. Die unabhängige Presse werde zum Schweigen gebracht und den Krim-Tataren werde verboten, an ihre eigene Kultur zu erinnern.

"Die Haltung der De-facto-Regierung und ihrer russischen Meister lässt sich leicht zusammenfassen: 'Mag es, verschwinde oder halt den Mund'", sagte Amnestys Direktor für Europa und Zentralasien, John Dalhuisen, bei der Vorstellung des Berichts. Mindestens sieben Menschen seien entführt worden und ihr Schicksal sei unbekannt, heißt es darin. Das Verschwinden von drei Krim-Tataren hat die Menschenrechtsorganisation selbst dokumentiert. Darunter sei Reschat Ametow, ein 39 Jahre alter Mann, der während einer Demonstration im vergangenen März verschleppt worden sei. Seine Leiche sei später mit Folterspuren aufgefunden worden, niemand sei dafür zur Rechenschaft gezogen worden.

Andrij Schekun, Direktor der Organisation Ukrainisches Haus, sei von prorussischen Milizionären gefangen genommen, elf Tage festgehalten und dabei mit Elektroschocks malträtiert worden, bevor er dem ukrainischen Militär übergeben worden sei. Drei weitere Mitglieder der Organisation blieben vermisst. "Die De-facto-Regierung sagt uns, sie ermittele in allen Fällen von Verschleppungen und Folter", sagte Dalhuisen. "Aber wir haben dafür keinen einzigen konkreten Nachweis."

Um Medien zum Schweigen zu bringen, werde ein "Klima der Angst" geschaffen, schreiben die Amnesty-Aktivisten weiter. Vor anderthalb Monaten seien 30 bewaffnete und maskierte Mitglieder einer Spezialeinheit in die Büros des Tataren-Senders ATR eingedrungen, hätten den Sendeabbruch erzwungen und Dokumente der vergangenen elf Monate beschlagnahmt. Mehrere Journalisten und Blogger hätten die Krim längst verlassen. Die Nachrichtenagentur QHA der Krim-Tataren habe bis heute keine neue Lizenz erhalten.

Es gebe derzeit offenbar nur wenig Motivation in der internationalen Gemeinschaft, Russland zur Rückgabe der Krim an die Ukraine zu drängen, sagte Dalhuisen. "Aber sie sollte doch mindestens mehr Druck auf Russland ausüben, damit die Rechte aller Bürger der Krim respektiert werden."