Heute wird der israelische Premier Benjamin Netanjahu vor den amerikanischen Kongress treten, hinter dem Rücken des Präsidenten Obama eingeladen von den Scharfmachern der Republikaner. Ein weiteres Mal wird Netanjahu dabei vor einem Abkommen zur Begrenzung des iranischen Atomprogramms auf zivile Zwecke warnen, über das die "P5+1" – USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich und Deutschland – seit Monaten in Genf verhandeln. Dieses Abkommen will er zu Fall bringen, da er darin eine existentielle Bedrohung Israels sieht.

"Ohne Ministerpräsident Netanjahu würde die Welt verschlafen, wie die Iraner die Bombe bauen", sekundiert ihm der israelische Sicherheitsminister Yuval Steinitz. Netanjahus Rede versteht er als Weckruf, damit sich Amerika nicht auf ein "schlechtes Geschäft" mit dem Iran einlasse. Ganz anders jedoch sehen Obama, sein Außenminister und seine Sicherheitsberaterin die Genfer Gespräche: als Chance nämlich, das iranische Atomprogramm so zu stutzen, dass es zehn bis fünfzehn Jahre lang nicht zu einem "breakout" und zum Bau einer Kernwaffe binnen zwölf Monaten kommen kann.

Israels Regierungschef traut dem Frieden nicht. Aber er übertreibt, wie er schon immer übertrieben hat. So im September 2012, als er in der Vollversammlung der Vereinten Nationen erklärte: "Im nächsten Frühjahr, allerspätestens im nächsten Sommer, werden [die Iraner] beim gegenwärtigen Anreicherungstempo den mittleren Anreicherungsgrad erreicht haben und in die Endphase eingestiegen sein. Dann brauchen sie nur noch wenige Monate, vielleicht sogar nur wenige Wochen, bis sie genug hochangereichertes Uran für die erste Bombe haben."

Inzwischen sind Dokumente ans Licht gekommen, aus denen hervorgeht, dass nicht einmal der israelische Geheimdienst Mossad diese alarmistische Einschätzung teilte. "Es sieht nicht so aus, als ob Iran schon in der Lage sei, Uran bis zur Waffenfähigkeit anzureichern", lautete sein Urteil. Wäre es anders, so hätte der frühere Mossad-Chef Meir Dagan nach eigenem Bekunden sich schwerlich einer Weisung des Premiers widersetzt, einen militärischen Angriff auf Iran vorzubereiten.