Drei Wochen nach dem Mord an dem russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow wird weiter über die Gründe für die Tat spekuliert. Offiziell macht die Regierung in Moskau tschetschenische Rebellen für seinen Tod verantwortlich. Nun gibt es neue Hinweise, die auf ein ganz anderes Motiv hindeuten.

Laut einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung könnte die Ermordung mit Nemzows Kontakten in die USA zusammenhängen. Die Zeitung beruft sich auf Sicherheitskreise: Demnach soll Nemzow nach der Annexion der Krim durch Russland die USA dabei unterstützt haben, eine Sanktionsliste gegen führende russische Politiker und Geschäftsleute anzufertigen – die meisten von ihnen Freunde und Weggefährten von Präsident Wladimir Putin. Die Strafmaßnahmen umfassen Einreiseverbote und die Sperrung privater Vermögen im Ausland.

Auf der Liste soll auch Sergej Naryschkin stehen, der Vorsitzende des russischen Parlaments. Naryschkin habe laut Sicherheitskreisen eine geheime Reise auf die Krim unternommen, um dort den künftigen Gouverneur der Halbinsel auszuwählen.

Auch Unterstützung bei zweiter Sanktionsliste

Nicht nur an der Sanktionsliste soll Nemzow laut dem Bericht der FAS beteiligt gewesen sein. Der Oppositionelle habe die USA auch bei einer früheren Sanktionsliste aus dem Jahr 2012 unterstützt, der sogenannten Magnizkij-Liste.

Grund für diese Sanktionen war der Tod des russischen Wirtschaftsprüfers Sergej Magnizkij in einem Moskauer Gefängnis im Jahr 2009. Für den Tod machten Kritiker die russische Justiz verantwortlich, die dem schwer Erkrankten medizinische Hilfe verweigert habe.

Magnizkij war für die amerikanische Firma Hermitage Capital Management beschäftigt und musste sich der Justiz wegen angeblicher Steuerhinterziehung stellen. Als Reaktion auf die Sanktionen verbot Russland damals die Adoption russischer Waisenkinder durch Amerikaner.

Nemzow, der vom amerikanischen Investor George Soros finanziell unterstützt worden sein soll, hatte im vergangenen Jahr die konservative US-Senatoren John McCain und Ron Johnson getroffen. Er übergab ihnen 13 Namen für die Magnizki-Liste – darunter sind enge Gefolgsleute Putins. Seitens der US-Regierung hieß es, eine Entscheidung darüber solle erst Ende des Jahres gefällt werden. Das Außenministerium will vorerst den Fortgang der Ermittlung im Nemzow-Fall abwarten.

Geständnis widerrufen

Für zahlreiche russische Oppositionelle sind diese neuen Hinweise nicht überraschend. Dass der Tod an Nemzow von islamistischen Tschetschenen begangen worden sei, gilt für viele Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin als unwahrscheinlich.

Die Ermittler der Staatsanwaltschaft und des Geheimdienstes FSB hatten wenige Tage nach der Tat mehrere aus Tschetschenien stammende Männer verhaftet. Doch ein führender russischer Menschenrechtsbeauftragter äußerte den Verdacht, dass der Hauptbeschuldigte bei seinen Vernehmungen gefoltert wurde. Er hat zudem sein Geständnis mittlerweile zurückgezogen und ein Alibi für die Tatzeit genannt.