Eigentlich wollten die Demonstranten am Sonntag in Moskaus Innenstadt unter dem Motto Wesna, dem russischen Wort für Frühling, auf die Straße gehen. Nachdem der Oppositionspolitiker Boris Nemzow am Freitagabend erschossen wurde, ist allen klar, dass der Frühling hier vorerst ausbleiben wird.

Als der Aufmarsch noch eine Frühlingsdemonstration sein sollte, hatten sich Tausende bei Facebook dafür angemeldet. Zehntausende drückten sich dann am Sonntagmittag aus der Metro Station Kitaj-Gorod im Zentrum der Stadt. Die Plakate, die sie dabei hatten, transportierten keinen frechen Protest, keine Satire und keine Forderungen. Sie hatten einen schwarzen Rand, wie Kondolenzkarten. "Ich habe keine Angst" stand auf einigen, "Propaganda tötet" auf anderen.

Vor den Blumengeschäften rund um den Demozug bildeten sich bald Schlangen. Wie für eine Beerdigung kauften die Demonstranten Nelken und weiße Rosen, um sie an der Stelle abzulegen, an der Boris Nemzow viermal in der Rücken geschossen wurde.

Keine Slogans sind zu hören, als sich der Demonstrationszug auf dem Slawianskaja Platz in Bewegung setzt. Nicht nur die Journalisten fotografieren, auch die Teilnehmer machen Fotos. Proteste, gerade mit Schildern, sind etwas Außergewöhnliches in Moskau.

Ljudmila, eine Frau Anfang 60 in roter Jacke und mit kurzen grauen Haaren, hat sich ein Plakat mit einem Bild von Wladimir Putin um den Hals gehängt. Davor steht nur das Wort "Du". In der linken Hand trägt sie zwei rote Rosen und ein eingerahmtes Bild von Nemzow mit einer weißen Plastikblume darauf. Es erinnert ein bisschen an eine russische Ikone. "'Du, Putin' bedeutet, dass er für Nemzows Tod direkt verantwortlich ist," sagt Ljudmila.     

Trauer verdrängt den politischen Anlass

Während Ljudmila über Putin und Nemzow spricht, bildet sich eine kleine Menschentraube um sie. Nach einer halben Minute taucht auch ein Reporter mit einer Fernsehkamera auf und filmt die Frau. Es kommt selbst hier auf der Demo nicht oft vor, dass jemand den Mut hat, Wladimir Putin so direkt anzugreifen.

Aber das Wort "Demonstration" passt nicht mehr richtig zu der Veranstaltung. Es ist ein reiner Trauermarsch geworden. Die persönliche Trauer um Boris Nemzow verdrängt offenbar bei vielen den politischen Anlass. Einige Teilnehmer haben Tränen in den Augen, als sie zur Moskworezkaja Nabereschna herunterlaufen, der Uferstraße an der Moskwa, die zu der Brücke führt, auf der Nemzow erschossen wurde.

Vielleicht ist mit Nemzow bei vielen auch wirklich etwas Persönliches gestorben. Die Hoffnung auf eine schrittweise Besserung etwa, wenn es Russland erst einmal wirtschaftlich wieder gut geht. Vielleicht war es die Dreistigkeit dieses politischen Mordes, die die Menschen hier so getroffen hat. Denn das Attentat hat nicht einmal kaltes politisches Kalkül: Hier wurde kein Konkurrent aus dem Weg geräumt. Wer profitiert schon von so viel Aufruhr um jemanden, der für den Kreml nicht einmal wirklich gefährlich war, höchstens unangenehm? Einen Oppositionspolitiker an diesem Ort zu erschießen, ist ein Weg zu sagen: "Ihr seid mir egal, eure Hoffnungen sind mir egal, wir machen hier was wir wollen." Vielleicht ist es diese dreiste Brutalität, die so viele Menschen bewegt hat, zu kommen.