Die Lehrerin ist eine energische Frau Mitte 40, sie trägt ein sittsames Blümchenkleid und redet vom Krieg. "Wer hier aufwächst, lebt ein Leben lang mit der Gewalt", sagt sie. "Die Gewalt wird ein Teil der Menschen hier." Die Lehrerin ist selbst hier aufgewachsen: in der Maré, einem Armutsviertel mit schätzungsweise 130.000 Einwohnern, 426 Hektor groß. Man fährt hier vorbei, wenn man von Flughafen in die Innenstadt von Rio de Janeiro will.

Die Favela Maré machte wenige Wochen vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft weltweit Schlagzeilen, weil die Regierung in Brasília das Militär dort hinschickte und die Straßen von Soldaten und speziell ausgebildeten Polizeitruppen besetzen ließ, mit mehr als 1.000 Mann. Zu viele Kriege zwischen den Drogenbanden gab es dort. Zu viele Waffen wurden in der Maré vermutet, zu viele Kriminelle, die einen ruhigen Ablauf der Spiele stören könnten.

"Pazifizierung haben sie das genannt", sagt die Lehrerin, "Befriedung, aber dieses Wort mag ich nicht. Sie haben uns militärisch besetzt. Die Leute hier wurden auch nicht gefragt." Große Hoffnungen hätten dennoch viele gehabt: dass die Gewalt zwischen den Banden und die nächtlichen Schusswechsel mit der Polizei aufhören, dass die Eliteeinheiten der Polizei nicht mehr mit einem Panzer durch die Straßen fahren, auf dessen Seiten ein Totenkopf gemalt ist, dass nervöse Beamte nicht mehr Türen aufbrechen und wahllos auf flüchtende Menschen schießen und den Leichen Drogenpäckchen in die Taschen schieben. "Viele hatten große Hoffnungen, und große Skepsis. Nun, wir wissen jetzt, dass die Skepsis berechtigter war."

Die Lehrerin will auf keinen Fall, dass ihr Name in der Zeitung steht, und auch der Standort der Schule und sonstige Informationen sollen ganz vage bleiben. Das liegt daran, dass die Drogenbanden hier immer noch ihren Geschäften nachgehen – das kann man schon am Eingang der Schule merken, da riecht es kräftig nach Marihuana. "Die Waffen sollten aus der Maré verschwinden? Hier sind immer noch Waffen, oder sogar noch mehr. Das Militär hat ja selber welche mitgebracht."

In der Maré stehen jetzt an bestimmten Punkten Panzer und Sandsäcke. Dunkel bebrillte Soldaten richten die Gewehre auf die Passanten und kontrollieren Taschen. An anderen Orten haben die Drogenbanden ihre Wachen, die ebenfalls eine Menge schwerer Waffen mit sich herumtragen, inzwischen sogar wieder ganz offen. Geschossen wird auch von Zeit zu Zeit. Die Lehrerin hat Drills mit ihren Schülern gemacht: Wenn Schüsse fallen, verlassen alle das obere Stockwerk, sie legen sich in den unteren Klassenräumen auf den Boden, und keiner geht zum Fenster. "Vor zwei Wochen ist das wieder vorgekommen", sagt sie. "Dass diese Schießereien aber auch ausgerechnet zur Schulzeit sein müssen!"