Ein weiteres Problem für Rousseff sind Streitereien in ihrem eigenen Regierungsbündnis, die dazu führen, dass notwendige Wirtschaftsreformen verschleppt oder blockiert werden. So werden gegen die Anführer ihres wichtigsten Koalitionspartners PMDB, Eduardo Cunha – Präsident des Parlaments – und Renan Calheiros – Präsident des Senats – ebenfalls Korruptionsvorwürfe in Zusammenhang mit dem Petrobras-Skandal erhoben. Bedrängt und – wie sie meinen – von der Präsidentin im Stich gelassen, verschleppen sie jetzt die Regierungsarbeit, um ihre Posten zu retten und den Einfluss ihrer Partei in der Regierung zu erhöhen. Neben Calheiros und Cunha hat das oberste Bundesgericht Ermittlungen gegen weitere 47 Politiker eingeleitet.

Mit 28 Parteien ist das im vergangenen Jahr gewählte brasilianische Parlament das am stärksten zersplitterte in der brasilianischen Geschichte. An Dilma Rousseffs Koalitionsregierung sind außer der von ihr geführten PT elf weitere Parteien beteiligt.

Theoretisch ist damit eine große Regierungsmehrheit gesichert. In der Praxis aber erfordert diese Fragmentierung ständige komplizierte Verhandlungen, um alle Beteiligten bei der Stange zu halten. Jede noch so kleine Partei hat Ministerposten oder andere öffentliche Ämter für ihre Unterstützung der Regierung verlangt. 

Nach dieser Logik müsste die PMDB, die größte Partei im Parlament, auch den größten Anteil an den Regierungsposten haben. Aber laut Carlos Pereira versuchte Rousseff nach den Wahlen, den Einfluss der PMDB mithilfe der kleineren Parteien einzudämmen. Diese Strategie hat nicht funktioniert und Rousseff spürt jetzt die Folgen.

Lula hatte es besser

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Regierung der Arbeiterpartei eine politische Krise, ausgelöst durch einen Korruptionsskandal, durchlebt. Der Vorgänger und politische Ziehvater von Dilma Rousseff, Luíz Inácio Lula da Silva, kämpfte 2005 mit den Folgen des "Mensalão-Skandals", mehrere seiner engsten Mitarbeiter kamen ins Gefängnis. Doch Lula hatte den Vorteil, dass während seiner Präsidentschaft die Wirtschaft florierte. Seine Popularität litt zwar ein wenig, aber er wurde 2006 ohne Probleme wiedergewählt.

Nach Ansicht des Politikwissenschaftlers Carlos Pereira steht Dilma Rousseff das Schlimmste dagegen noch bevor. "Die Folgen der Wirtschaftsreformen und Sparmaßnahmen sind noch nicht spürbar. Die Talsohle ist noch nicht erreicht. Die Brasilianer werden Inflation, Arbeitslosigkeit und Erhöhung der öffentlichen Tarife erst im den nächsten Monaten voll zu spüren bekommen, wenn die eingeleiteten Maßnahmen Wirkung zeigen", sagt er.
Auch der Soziologe Prando sieht die Situation kritisch. "Rousseffs Probleme  werden  unkontrollierbar, wenn die drei führenden Kräfte Brasiliens – die Zivilgesellschaft, die Justiz und die politische Klasse – sich gemeinsam gegen sie wenden sollten", sagt er.  

Zurzeit sei die Justiz mit den Verbündeten von Rousseff beschäftigt und die politische Klasse warte ab, ob die öffentlichen Proteste sich ausweiteten. Sollte dies geschehen, könnten sich die Politiker entscheiden, Rousseff aufzugeben – die Folgen seien unvorhersehbar, glaubt Prando. "Anders als bei den spontanen Protesten von 2013, denen einheitliche Forderungen fehlten, haben die Demonstranten diesmal ein klares Ziel im Visier – die Präsidentin Dilma Rousseff."