Es war der Tag der Schokoherzen und Komplimente, der Blumen und Pralinenschachteln. Russland feierte gestern einen seiner traditionsreichsten und friedvollsten Feiertage, den Internationalen Frauentag. Nur rund um ein unscheinbares Gebäude in Moskaus Nordosten ging es martialisch zu: Hinter Polizeiabsperrungen waren schwer bewaffnete Uniformierte und gepanzerte Fahrzeuge zu sehen. Fünf vermeintliche Schwerverbrecher wurden hier der Haftrichterin vorgeführt. Sie trugen Kapuzenjacken und betraten das Gericht gebückten Hauptes durch eine metallene Eingangstür. Auf Mord lautete die Anschuldigung. Einer soll gestanden haben, die vier anderen bekennen sich unschuldig.

Der Anführer der Männer habe, so besagen die bisherigen Ermittlungen der russischen Behörden, den Oppositionspolitiker Boris Nemzow vor neun Tagen auf einer Brücke vor dem Kreml erschossen. Die anderen gelten als Mittäter. Ein sechster Verdächtiger habe bei seiner Festnahme im tschetschenischen Grosny eine Granate gezündet und sich dabei tödlich verletzt, hieß es offiziell.

Die Spur führt in den Nordkaukasus, da alle Beschuldigten von dort stammen. Der vermeintliche Haupttäter, Saur D., war früher stellvertretender Regimentskommandant des Bataillons Nord des Innenministeriums in Tschetschenien und damit ein guter Bekannter des Republikchefs Ramsan Kadyrow. Die Sondereinheiten des Innenministeriums sind unter der Oberhoheit Kadyrows 2006 gebildet worden. Nord ist in Grosny stationiert und wird vom "Helden Russlands" Alimbek Delimchanow geführt, dessen Bruder im Moskauer Duma-Parlament sitzt. Der schnelle Fahndungserfolg soll signalisieren, dass der Kreml mit dem Verbrechen nichts zu tun hat und es unnachgiebig verfolgt. Aber wie konnten die Verdächtigen so schnell gefasst werden?

Material aus Überwachungskameras soll helfen

Nach den bisherigen Informationen sind die Ermittler der Staatsanwaltschaft und des Geheimdienstes FSB mithilfe technischer Mittel zum Erfolg gekommen. Zwar wurden bisher nur die unscharfen Bilder einer Überwachungskamera bekannt. Aber vermutlich haben noch viele weitere Kameras unter den Zinnen der Kremlmauer Aufnahmen geliefert. So ließ sich das Auto, mit dem der Mörder floh, identifizieren und durch die weitere Auswertung von Überwachungskameras auf der Flucht durch die Stadt verfolgen. Dabei wurden Fahrer und Beifahrer im Bild festgehalten.

Zudem ist es plausibel, dass die Behörden weiteres Material zur Verfügung hatten. Denn Nemzow wurde knapp zwei Tage vor einer geplanten großen Demonstration der Opposition vermutlich überwacht. Die Zeugenaussagen von Geheimdienstlern in Nemzows Nähe können entscheidende Details geliefert haben, zumal seine Beschatter bemerkt haben dürften, dass eine weitere Brigade, die künftigen Mörder, dem Oppositionellen folgte.