Die angeblichen Einschusslöcher und Austrittsstellen der Kugeln lassen nach Meinung anderer darauf schließen, dass Nemzow im Stehen angeschossen, aber erst im Liegen tödlich getroffen worden sei. Hieran knüpft sich die Version, dass zwei Mordschützen beteiligt waren. Tatsächlich kam die Aufnahme eines Videoregistrators, mit dem viele russische Autofahrer ihren Fahrtweg aufnehmen, an die Öffentlichkeit. Der Fahrer fuhr etwa drei Minuten nach der vermeintlichen Tatzeit am Tatort vorbei; die Aufnahme zeigt, nur schlecht erkennbar, dass sich ein Mann über den am Boden liegenden Nemzow beugt. War es der zweite Schütze, der den Todesschuss setzte? Oder der ominöse Zeuge Wiktor M., über den bisher nur wenig bekannt ist?

Der Fahndungserfolg entkräftet immerhin einen der Vorwürfe der vergangenen Woche: Beobachter monierten, dass angeblich alle Überwachungskameras des Kreml-Sicherheitsdienstes entweder woandershin schauten oder abgestellt waren. Im Nachhinein scheint es verständlich, dass die Ermittler mit der lancierten Meldung, alle Kameras hätten keine Bilder aufgenommen, die Täter in Sicherheit wiegen wollten. Allerdings bestehen Vertreter der Opposition darauf, auch die anderen Bilder später zu veröffentlichen. Nur so könnten die Ermittler Vertrauen gutmachen.

Gerichtstermin bringt mehr Fragen als Antworten

Denn letztlich hat der Gerichtstermin von gestern nicht viel aufgeklärt. Weder die Auftraggeber des Mordes noch ihr Motiv sind bisher bekannt. Die Hoffnung auf Antworten bleibt gering, da in den meisten der aufsehenerregenden Mordfälle Russlands in den vergangenen 20 Jahren höchstens die Täter, aber keine Hintermänner ermittelt wurden.

Manche befürchten, dem schnellen Ermittlungserfolg könnten eine langwierige weitere Untersuchung und ein Gerichtsverfahren folgen, bei dem sich die Anklageschrift in nichts auflöst. Wie im ersten Prozess um den Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja, der gegen tschetschenische Täter geführt wurde und mit einem Freispruch endete. Andere misstrauen der kolportierten Aussage des Hauptverdächtigen, er habe allein alles organisiert, um sich für islamkritische Äußerungen Nemzows zu rächen. Das klinge nach einer zu idealen Version, um jede Suche nach Hintermännern zu beenden.

Zudem tauchen weitere Verschwörungstheorien auf: Die tschetschenische Spur könnte Vertretern der russischen Sicherheitsbehörden gefallen, denen Kadyrow schon lange zu eigenmächtig geworden ist. Sollte er, der bisher unantastbare Putin-Loyalist und Friedenserzwinger für Tschetschenien, ein zweites Ziel der Ermittler sein? Tobt derzeit ein Kampf unter mehreren Sicherheitsbehörden mit unterschiedlichen Loyalitäten zu Kadyrow, und Nemzow ist hierbei doppeltes Opfer? Wenn das stimmt, scheint die Tschetschenien-Fraktion im Moment zu schwächeln.