Die Regierung von Ministerpräsident Taavi Rõivas hat bei der Parlamentswahl in Estland ihre absolute Mehrheit verloren. Zwar kam die liberale Partei des Regierungschefs auf 30 von 101 Sitzen und wird damit stärkste Kraft in der Volksvertretung Riigikoku. Der bisherige Koalitionspartner, die Sozialdemokraten, gewann allerdings nur 15 Sitze. 

Zweitstärkste Kraft wurde mit 27 Mandaten die linksgerichtete, prorussische Zentrumspartei. Neben dem konservativen Wahlbündnis IRL (14 Sitze) schafften auch zwei neugegründete Parteien den Einzug ins Parlament. Erste Prognosen hatten darauf hingedeutet, dass die Regierungskoalition ihre Mehrheit würde halten können. Die Auszählung in den Hochburgen der Zentrumspartei zog sich allerdings länger hin, sodass ihre Prognose im Laufe des Abends immer weiter nach oben korrigiert wurde.

Obwohl die Zentrumspartei keine eindeutig prorussische Organisation ist, misstrauen viele Esten Savisaar wegen der guten Kontakte zu Russland. Stammwähler kommen von der starken russischen Minderheit, die mehr als ein Viertel der rund 1,3 Millionen Einwohner ausmacht.     

Ein Fünftel wählte online

Der Ukraine-Konflikt hatte in der ehemaligen Sowjetrepublik neue Sicherheitsängste ausgelöst. Daneben spielte für viele Einwohner des baltischen Landes vor allem die Wirtschafts- und die Sozialpolitik eine wichtige Rolle.

Rund ein Fünftel der Esten wählte via Internet – so viele wie noch nie seit der Einführung der Onlinewahlen 2005. Die Wahlbeteiligung lag nach vorläufigen Angaben bei 63,7 Prozent.   

Staatspräsident Toomas Hendrik Ilves will die stärkste Partei mit der Regierungsbildung beauftragen. Vor der Wahl hatte es keine klaren Koalitionsaussagen gegeben. Regierungschef Rõivas hatte sich für eine "estnisch-orientierte Regierung" ausgesprochen. Eine Kooperation mit Savisaar schloss er aus.