Jeden Mittwoch zur Mittagsstunde pöbeln sich britische Abgeordnete an. Sie schleudern Beleidigungen und Provokationen hinüber zur gegnerischen Partei auf der jeweils anderen Seite des Londoner Unterhauses. Das Ritual heißt Fragestunde des Premierministers und gibt dem Oppositionsführer die Chance, den Regierungschef in die Enge zu treiben.

Am vergangenen Mittwoch führten sich die Parlamentsabgeordneten besonders raudihaft auf. "Vor der letzten Wahl", begann Oppositionschef Ed Miliband, "machte der Premierminister zum Thema Einwanderung ein Versprechen ohne Wenn und Aber. Kann er das Haus daran erinnern, wie das Versprechen genau lautete?" Das war natürlich eine rhetorische Frage.

Premierminister David Cameron stand auf und antwortete, leicht stotternd: "Wir haben versprochen, die Nettoimmigration zu beschneiden. Von außerhalb der Europäischen Union ist uns das gelungen. Von innerhalb der Europäischen Union ist sie gestiegen." Das läge nicht zuletzt daran, dass Großbritannien mehr Arbeitsplätze geschaffen habe als der Rest der Europäischen Union zusammen.

Für Ed Miliband aber war das nur der Auftakt zur Jagd: "Er hat verschämt verschwiegen, wie sein Versprechen ganz präzise lautete, Herr Sprecher", rief der Labour-Chef, der antiquierten Gepflogenheit im Unterhaus entsprechend, wonach allein der Vorsitzende der Debatte direkt angeredet werden darf, das eigentliche Gegenüber aber nur in der dritten Person. "Es stand in seinem Vertrag mit dem britischen Volk. Die Netto-Immigration wird auf einige Zehntausend zurückgefahren. Aber es sind 298.000 Einwanderer geworden. Mehr als zu der Zeit, als er ins Amt kam. Damals sagte er: Wählt mich ab, wenn ich nicht liefere." Es folgte Gejohle.

In zwei Monaten, am 7. Mai, wählt Großbritannien ein neues Parlament. Immigration gehört zu den heißesten Themen im Wahlkampf. Das war bereits bei der letzten Wahl 2010 der Fall. Aber seitdem hat sich der Ton merklich verhärtet. Migration Watch, ein Thinktank, der sich selbst als unabhängig bezeichnet, tatsächlich allerdings vor allem vor den negativen Folgen der Immigration warnt, rechnete kürzlich vor, dass in 13 Jahren Labour-Regierung die britische Bevölkerung durch die Einwanderer um 3,6 Millionen Menschen gewachsen sei. Seit 2011, schätzten jetzt Experten der Universität Oxford, kamen noch einmal 565.000 Einwanderer dazu. Zieht man die Zahl derjenigen ab, die Großbritannien im selben Zeitraum verlassen haben, bleibt immer noch eine Netto-Einwanderung von 298.000, zwei Drittel davon aus Europa.

"Gehen Sie nach Hause oder Sie werden verhaftet"

Vor fünf Jahren zogen die Tories unter anderem mit dem Versprechen in den Wahlkampf, die, wie sie behaupteten, übermäßig einwanderungsfreundliche Politik Labours zu beenden. Weniger als 100.000 Menschen wollte eine Tory-Regierung künftig ins Land lassen. Das ist spektakulär gescheitert. Dass Einwanderung aber weiter als Problem dargestellt wird, hat die Stimmung angeheizt. Im Sommer 2013 veröffentlichte das Innenministerium eine Studie, wonach Immigranten zu Feindseligkeiten in der Nachbarschaft beitrügen, eine zusätzliche Belastung für die Arztpraxen bedeuteten und wegen ihrer oft überfüllten Unterkünfte Ratten anzögen. Im Herbst desselben Jahres schickte die Regierung Lieferwagen mit großen Plakaten durch sechs Londoner Viertel, auf denen illegalen Einwanderern geraten wurde: "Gehen Sie nach Hause oder Sie werden verhaftet". Die Aktion rief allerdings soviel Empörung hervor, dass sie schnell wieder beendet wurde.

Von der einwandererfeindlichen Stimmung profitiert hat bislang vor allem die EU-skeptische, ultrakonservative Partei Ukip. 29 Millionen Rumänen und Bulgaren hätten das Recht auf einen britischen Arbeitsplatz, warnte die Partei etwa pünktlich zur Europa-Wahl vor einem Jahr.  Ukip wirbt mit solchen Parolen sowohl den Tories als auch Labour Wähler ab. In den beiden schrumpfenden Großparteien macht sich Panik breit.