Hillary Clinton hat ihre Kandidatur für die nächste US-Präsidentschaftswahl noch nicht einmal offiziell angekündigt. Die Zeit für Wahlkampf-Aggression ist aber offenbar schon gekommen: "Vernünftige Menschen" hätten sich nicht so in die Atomverhandlungen eingemischt, kritisierte die Demokratin den Brief der republikanischen Senatoren an die iranische Regierung. Er falle "aus der Reihe der besten Traditionen amerikanischer Führung", sagte sie diese Woche auf einer Pressekonferenz in New York. Eigentlich sollte sich Clinton dort rechtfertigen, warum sie in ihrer Zeit als US-Außenministerin dienstliche E-Mails ausschließlich von ihrer privaten Adresse verschickt hatte. Die Einmischung der Republikaner kam also gewissermaßen gerade rechtzeitig, um den politischen Gegnern wenigstens direkt etwas zurückfeuern zu können.

Die Emailgate getaufte Affäre kommt zu einem äußerst kritischen Zeitpunkt. Es wird erwartet, dass Clinton im kommenden Monat formell in den Wahlkampf startet. Gerüchte, dass die Kontroverse um die Dienst-E-Mails den Kampagnenbeginn verzögern könnte, haben sich schnell wieder zerstreut. Schließlich macht der "Skandal", wie er vor allem aus dem republikanischen Lager genannt wird, den Aufbau eines Wahlkampfteams nur noch dringender. Und per Gesetz muss eine Kandidatur innerhalb von 15 Tagen erklärt werden, nachdem für eine landesweite Kampagne entweder mindestens 5.000 Dollar an Spenden eingenommen oder dafür ausgegeben worden sind.

Ein Problem wird nun noch einmal offensichtlich: Clinton ist die einzige aussichtsreiche Kandidatin der Demokraten. Während auf der anderen Seite ein ganzes Dutzend von Republikanern zu den Vorwahlen antreten will, fehlen im Lager von Präsident Barack Obama die Alternativen. Die parteiinternen Zustimmungsraten für die früheren Gouverneure Jim Webb (Virginia) und Martin O'Malley (Maryland) sowie für den Senator Bernie Sanders (Vermont), die allesamt ihr Interesse an der Kandidatur bereits angekündigt haben, dümpeln im einstelligen Bereich. Etwas besser sieht es aus für Vizepräsident Joe Biden und Senatorin Elizabeth Warren (Massachusetts); beide haben die Unterstützung von knapp der Hälfte der Demokraten. Nur: Biden weiß noch nicht einmal, ob er überhaupt antreten will, und Warren hat bereits mehrfach vehement abgelehnt. Ihre parteiübergreifenden Chancen sind ohnehin ein ganz anderes Thema.

"Verschwörerisches, geheimnistuerisches Verhalten"

Allein die frühere First Lady vermag es, die Mehrheit ihrer Partei hinter sich zu vereinen. Deswegen ist aus den Reihen der Demokraten auch kaum öffentliche Kritik an Clintons E-Mail-Praxis zu vernehmen. Sie versuchen lieber, die Aufmerksamkeit in andere Bahnen zu lenken. "Jedes Mal, wenn wir über E-Mails reden, reden wir nicht darüber, wie die Wirtschaft wachsen kann und die Tatsache, dass Präsident Obama in den vergangenen 60 Monaten durchweg Jobs geschaffen hat", sagte etwa Brady Quirk-Garvan, demokratischer Parteivorsitzender aus Charleston. Die starke US-Konjunktur und die relativ niedrige Arbeitslosenrate von 5,5 Prozent dürften den Demokraten zugute kommen – wenn es keine Kehrtwende gibt. Allerdings ist es seit 1948 nur einmal vorgekommen, dass ein US-Präsident nach seiner zweiten Amtszeit von einem Nachfolger aus der eigenen Partei abgelöst wurde.

Intern kommen bei den Demokraten derweil alte Sorgen wieder hoch. Während Bills Präsidentschaft in den neunziger Jahren wurden die Clintons mitunter als abgehoben charakterisiert: Kritiker fanden ihr Verhalten unangemessen, warfen ihnen vor, in "Clintonland" würden andere Regeln gelten. Die E-Mail-Affäre lässt nun ähnliche Schlüsse zu.

"Das Problem damit ist, dass sie (die Clintons) für ein generell verschwörerisches, geheimnistuerisches Verhalten stehen", sagt Danielle Pletka, langjährige Beraterin des Senatsausschusses für Auswärtige Beziehungen und nun leitende Mitarbeiterin im konservativen American Enterprise Institute. "Und als seien die E-Mails noch nicht genug: Die Pressekonferenz war eine Katastrophe", fügt sie hinzu. Clinton habe abwehrend und verschwiegen reagiert, ihre Erklärungen reichen Pletka nicht: Zweifelsohne sei es bequemer, einfach das private E-Mail-Konto zu benutzen. "Aber genauso ist es bequemer, bei Rot zu fahren oder keine Steuern zu zahlen." Als Vertreterin der Regierung könne man sich solche Fehltritte nicht leisten. 

"Gefahr für unsere Demokratie"

Und Emailgate ist längst nicht das einzige Imageproblem der früheren Außenministerin. Eigentlich sollte Clintons Wahlkampf zu einem großen Teil auf Frauenthemen beruhen. Bereits als Präsidentengattin setzte sie sich weltweit für mehr Gleichberechtigung ein. Ihren bereits jetzt laufenden Quasi-Wahlkampf leitete sie vor wenigen Wochen symbolisch mit einer Rede auf einer Konferenz für Frauen des Silicon Valley ein. Doch inzwischen haben ihre Gegner ein weiteren wunden Punkt für politische Attacken ausgemacht: Die Clinton Foundation, die Stiftung der Familie, hat Millionen an Spenden von Ländern im Nahen Osten entgegengenommen: aus Saudi Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait, Oman, Katar, Algerien und Brunei. Und diese seien ja nun einmal für ihre Frauenfeindlichkeit bekannt, lautet die Kritik. In einem beißenden Video der Republikaner werden Aussagen von Obama, in denen er ausländische Spenden als eine "Gefahr für unsere Demokratie" bezeichnet, gegen Bilder einer grinsenden Clinton neben Regierungschefs aus arabischen Ländern geschnitten.

Solche Anfeindungen mögen vielen "vernünftigen Menschen", wie Clinton sie nennt, billig daherkommen. Doch um wirklich als Verfechterin von Frauenrechten wahrgenommen zu werden, muss die 67-Jährige unbedingt noch nachlegen. Wer bei Google nach den Schlagworten Clinton und Women sucht, sieht unter den ersten Ergebnissen sofort Listen sexuellen Fehlverhaltens und außerehelicher Affären ihres Gatten Bill. Wer weiß schon, welche brisanten Details aus dem Leben der Clintons mit den E-Mails noch ans Licht kommen? Die US-Nachrichtenagentur AP hat bereits auf Basis des Freedom of Information Act auf Herausgabe der Dokumente geklagt. Die Demokraten können nur hoffen, dass die amerikanischen Bürger vieles bis zur Wahl in 21 Monaten wieder vergessen werden – allerdings dürften die Republikaner zur Not etwas mit der Erinnerung nachhelfen.