Es hat mehr als ein Jahrzehnt gedauert, so weit zu kommen, dass nun offenbar eine Einigung im Atomstreit erreicht werden kann. Jahre, die es gebraucht hat, um durch ein weitreichendes Sanktionsregime den nötigen Druck auf Teheran aufzubauen und sich gleichzeitig dem Ziel anzunähern: Der Iran soll das Recht haben, Nukleartechnologie zu friedlichen Zwecken zu nutzen, zugleich soll es ihm unmöglich sein, die Atombombe zu bauen. Die Fortschritte auf diesem Weg waren zuletzt so groß wie nie.

Die Sanktionen jetzt zurückzunehmen, wenn auch nur schrittweise, wäre jedoch ein schwerwiegender Schritt, der sich nicht im Handumdrehen revidieren ließe. Zu oft hat das Land die Weltgemeinschaft in der Vergangenheit getäuscht, Anlagen verheimlicht, Inspektoren irregeführt – ein wirklicher Erfolg kann ein Abkommen nur sein, wenn alle Zusagen überprüfbar sind.

Offenbar ist es schwer genug, den politischen Rahmen festzuhalten, in dem sich eine umfassende Vereinbarung bewegen soll, für die bis Ende Juni Zeit bleibt. Das vage gehaltene Dokument, das an diesem Dienstag verabschiedet werden könnte, wird noch nicht dazu taugen, alle Seiten zufriedenzustellen. Es kann nur ein Anfang sein.

Die selbst gesetzte Frist bis Mitternacht verfestigt allerdings den Eindruck, es müsse nun alles ganz schnell gehen. Das regelrechte Drängen der Amerikaner auf einen Deal trägt mit zu diesem Bild bei. Vor allem Frankreich – neben den USA, Großbritannien, China, Russland und Deutschland Teil der Sechsergruppe, die mit dem Iran verhandelt – bremst den Enthusiasmus gehörig; das ist nicht die schlechteste Position. Wenn nach diesem Tag auch nur herauskommt, dass weitere Gespräche folgen sollen und eben noch keine konkreten Ergebnisse: Es wäre der beste Weg zwischen vorschnellen Kompromissen und einem völligen Scheitern. Kommt kein Deal zustande, ist das vorerst besser als ein schlechter Deal.

Auf Dauer überprüfbar machen

Worum es im Kern geht, ist die Streitfrage, wie lange sich der Iran Beschränkungen seines Atomprogramms unterwerfen soll. Die Verhandlungsgruppe der fünf UN-Sicherheitsratsmitglieder und Deutschlands will nicht nur, dass die Aktivitäten des Landes für mindestens zehn Jahre transparent reguliert werden, sondern dass sie auch nach dieser Laufzeit überprüfbar bleiben. Ein Knackpunkt sind auch die Auflagen für Forschung und Entwicklung im Nuklearbereich: Der Westen will verhindern, dass der Iran nach Ablauf des Abkommens plötzlich freie Hand hat und sein technologisches Know-how es ihm ermöglicht, umgehend zur Bombe zu kommen. Wahrscheinlich wissen die iranischen Forscher schon jetzt, wie das geht.

Hinter allen Maßnahmen steht der Wunsch, die Zeit möglichst auszudehnen, die der Iran bräuchte, um für eine Bombe genug spaltbares Material anzureichern: Ein Jahr gilt als Mindestziel – lange genug, so die Hoffnung, darauf zu reagieren, sollten sich die Befürchtungen als richtig erweisen, dass Teheran genau das will. Schließlich hat die Internationale Energieagentur immer wieder festgestellt: Sicher sei es nicht, dass der Iran nur friedliche Zwecke mit seinem Atomprogramm verfolge.

Den Weg zur Bombe verlangsamen

Vom Tisch ist bei den Verhandlungen in Lausanne aber längst, was einmal unverrückbare Forderungen waren: kompletter Stopp der Uran-Anreicherung und Verzicht auf ein Raketenprogramm, um nur die beiden wichtigsten zu nennen. Das kann am Ende nur bedeuten, dass klammheimlich ein neues Ziel die Verhandlungen bestimmt: Wie auch immer ein Deal aussehen wird, er dürfte nicht verhindern können, dass der Iran Nuklearwaffen erlangt – diese Entwicklung lässt sich anscheinend nur noch verlangsamen, nicht aber verhindern. Deshalb sind technische Details wie die Anzahl der Zentrifugen, die das Land betreiben darf, so wichtig.

Und damit muss die Einschätzung – kein Deal sei besser als ein schlechter – präzisiert werden: Zu viele Zugeständnisse an den Iran, das wäre ein schlechter Deal, der nicht geeignet wäre, das nukleare Potenzial Teherans zumindest temporär einzuhegen. Die größte Gefahr ist, sich zu dieser Lösung drängen zu lassen, nur um Fristen einzuhalten, nur weil endlich die historische Einigung herbeigeführt werden soll. Dann lieber jetzt kein Deal, noch nicht.