Der ehemalige Parlamentspräsident der Krim Leonid Gratsch in seinem Büro auf der Halbinsel © Herwig G. Höller

Nachdem die drei russischen Admiräle weitergezogen sind, macht sich Gratsch am Abend des 20. Februar zu einem weiteren Termin auf. Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes FSB aus Moskau hatten ihn ersucht, sich an der Peter-und-Pauls-Kathedrale im Stadtzentrum von Simferopol zu treffen. Als der Krim-Politiker dort eintrifft, wird er aus einiger Entfernung Zeuge, wie jene drei Admiräle, die zuvor bei ihm waren, gegenüber im Hotel Europa verschwinden.

Der Name des Hotels erscheint wie ein ironisches Detail im Vergleich zum Fortgang der Geschichte. Vor dem Haus ist der Wagen des Krim-Parlamentspräsidenten Wladimir Konstantinow geparkt, kurze Zeit später trifft zu diesen Gesprächen mit den Admirälen auch der prorussische Parlamentarier und Chef der Partei Russische Einheit, Sergej Aksjonow, ein. Beide sprechen sich, so wird Gratsch später erfahren, kategorisch gegen ihn, den Kommunisten, als Premierminister aus. Seine Kandidatur wird schließlich verworfen.

Aksjonow, dessen Russische Einheit zum Zeitpunkt des Gesprächs am 20. Februar 2014 lediglich über 3 von 100 Mandaten verfügt, wird am 27. Februar 2014 unter Ausschluss der Öffentlichkeit vom Parlament zum neuen Krim-Regierungschef gekürt, gleichzeitig fällt ein erster Beschluss, auf der Krim am 16. März 2014 ein Referendum durchzuführen.

In der Nacht vor der Wahl des Regierungschefs übernehmen russische Soldaten ohne Hoheitsabzeichen, die deshalb später "grüne Männchen" genannt wurden, die Kontrolle über das Gebäude. Der russische Freischärlerführer Igor Girkin wird später in einem russischen Fernsehsender von handfestem Druck sprechen, den die Bewaffneten auf Abgeordnete ausgeübt hätten.

Dass zumindest im Umfeld des Kremls bereits vor dem Machtwechsel in Kiew über eine Eingliederung der Krim und von Teilen der Ost- und Südukraine nachgedacht wurde, steht außer Zweifel. Krim-Parlamentspräsident Konstantinow hatte vor dem 20. Februar gegenüber der russischen Presse von der Möglichkeit einer Abspaltung der Krim gesprochen. Und zuletzt hatte die russische Zeitung Nowaja Gaseta ein einschlägiges Strategiepapier  veröffentlicht (hier in deutscher Übersetzung), das laut Angaben der Zeitung in der ersten Februarhälfte an die Administration des russischen Präsidenten übergeben worden war.

Der genaue Zeitpunkt, an dem der russische Staat mit der konkreten Umsetzung dieser Pläne begann, ist von großer politischer Bedeutung. Sollte Russland die Annexion bereits vor dem Machtwechsel in Kiew eingeleitet haben, bricht eines der zentralen Argumente Moskaus weg, mit dem die Verletzung des sogenannten Budapester Memorandums aus dem Jahr 1994 legitimiert worden war. In diesem Dokument hatten Russland, die USA und Großbritannien der Ukraine für ihren Verzicht auf Kernwaffen seinerzeit die Achtung der Souveränität und der territorialen Integrität zugesichert.

Das Memorandum, so wiederholte der russische Außenminister Sergej Lawrow zuletzt am 10. März 2015, habe Russland jedoch nicht verpflichtet, einem verfassungswidrigen und bewaffneten Staatsstreich, einer gewaltsamen Machtübernahme und Handlungen von ukrainischen Radikalen zuzustimmen, die die Souveränität des ukrainischen Staates untergraben hätten.

Als laut Leonid Gratsch russische Admiräle, darunter ein späterer Held der Russischen Föderation, am 20. Februar 2014 mit ihren Verhandlungen die russische Annexion der Krim einleiteten, konnte von einem verfassungswidrigen oder gar bewaffneten Staatsstreich in Kiew freilich noch keine Rede sein. Noch am 21. Februar verhandelte Präsident Viktor Janukowitsch mit internationalen Diplomaten und Vertretern der damaligen Opposition und erst in der Nacht auf den 22. Februar floh er aus Kiew und über die Krim schließlich nach Russland.