Mexikos Ex-Präsident Felipe Calderón nannte sie "eine der gefährlichsten Kriminellen Lateinamerikas", sie organisierte Drogendeals zwischen mexikanischen und kolumbianischen Kartellen und hat mehrere ihrer Liebhaber überlebt: Mexikos bekannteste Drogenkönigin, Sandra Ávila Beltrán. Mit ihrem letzten Liebhaber, dem Kolumbianer Juan Diego Espinosa alias "El Tigre", stand sie bis zu ihrer Verhaftung 2007 auf der Liste der meistgesuchten Kriminellen der Antidrogenbehörde DEA. Jetzt ist die 54-Jährige wieder frei: Beltrán wurde im Februar nach sieben Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen.

Als eine der wenigen weiblichen Größen des mexikanischen Drogengeschäfts ist Beltrán eine lebende Legende – und Vorbild für junge Frauen, die im Drogen-Business aufsteigen wollen. "In Mexiko gibt es viele Jugendliche, die arm und chancenlos sind", sagt der Soziologe Howard Campbell von der University of Texas in El Paso. "Man kann sich vorstellen, warum sie Personen wie Sandra Beltrán idolisieren." Reich, schön, mächtig, mit besten Verbindungen zu Politik, Polizei und Drogenbossen: Beltrán war Protagonistin einer kriminellen Welt, in der Frauen traditionell nur Nebenrollen spielen.

"In der sozialen Konstruktion der Narcos sind Frauen Dekoration, sie werden zur Schau gestellt, und für die Jüngeren bedeuten Frauen nur Begleitung, Unterhaltung, Sex", so die mexikanische Soziologin Elsa Ivette Jiménez Valdez. Doch immer mehr Frauen übernehmen aktive Rollen im organisierten Verbrechen, werden in Mexikos krimineller Landschaft zum sichtbaren Phänomen. "Der Drogenhandel ist größer geworden, es gibt so mehr Möglichkeiten für jeden – Frauen sind inzwischen mit Waffen zu sehen und immer mehr Frauen arbeiten als Schmugglerinnen", sagt Soziologe Campbell. Mit dem Wachstum der Kartelle sei auch die Beschäftigung von Frauen gestiegen. "Einerseits haben Frauen in Mexiko in den vergangenen 40 Jahren mehr Freiheiten erhalten, auch die Freiheit, im Drogenhandel zu arbeiten, andererseits drängt die Armut mehr Frauen in die Kriminalität", so Campbell.

Vorurteile helfen den Schmugglerinnen

Der Wissenschaftler hat für ein Forschungsprojekt mehr als 50 Schmugglerinnen in der Grenzregion bei Ciudad Juárez interviewt. Alle waren überzeugt, dass Frauen die smarteren Schmuggler sind – weil sie mehr Kontrolle über ihre Emotionen hätten, Drogen am Körper verstecken könnten. "Letzteres funktioniert vielleicht bei Heroin, aber nicht bei Marihuana – du kannst keine hundert Kilo Marihuana in deinem BH verstecken", schränkt Campbell ein. Er glaubt, dass vor allem Vorurteile Schmugglerinnen erfolgreich machen: "Frauen sind nicht die besseren Schmuggler, weil sie smarter sind als Männer, sondern weil Männer dümmer sind als Frauen." 

Frauen würden für vertrauenswürdiger gehalten, und so unterschätzt – die Grenzbeamten sehen in ihnen keine Gefahr. Am Grenzübergang Juárez–El Paso, einem Drehkreuz für den Drogenschmuggel in die USA, würden die Zollbeamten ohne Unterlass mit Frauen flirten, wie auch ein ehemaliger Ermittler der Antidrogenbehörde DEA Campbell bestätigte. "Die Beamten haben einen langweiligen Job, sie mögen ihren Job nicht und das einzige, was sie machen können, um sich wichtig zu fühlen, ist Menschen am Grenzübergang zu demütigen – oder zu flirten und sich für einen Frauenheld zu halten", meint Campbell.

Auch im Gefängnis steigt die Zahl der Frauen

Dennoch bleibt beim Schmuggel ein hohes Risiko, entdeckt und verhaftet zu werden. "Obwohl es Frauen gibt, die es schaffen, in der kriminellen Welt aufzusteigen, sind ihre Hauptaktivitäten meistens der Schmuggel, der Drogenhandel mit kleineren Mengen, und das Schmuggeln von Drogen in die Gefängnisse", glaubt die Soziologin Jiménez Valdez. Frauen würden immer noch für weniger relevant gehalten, schlechter bezahlt werden und die Mehrheit arbeite in riskanteren Tätigkeiten. Dem Nationalen Institut für Frauen, Immuneres, zufolge, spiegelt die steigende Zahl der Frauen in mexikanischen Gefängnissen ihre Präsenz im organisierten Verbrechen wider – in einer Zeitspanne von zehn Jahren explodierte die Zahl der Inhaftierten bis 2009 um 200 Prozent.

"Insgesamt ist der Drogenhandel immer noch ein Geschäft, das mehrheitlich von Männern betrieben wird und es ist immer noch ein sehr machoides Business", sagt auch Campbell. Die Kartelle seien nicht das moderne Gesicht Mexikos – die meisten Frauen in höheren Positionen arbeiten etwa als Finanzmanager, sie bleiben eher hinter den Kulissen. "Nach dem Motto: Der Mann gibt der Frau das Geld und sie verwaltet es", so Campbell – das entspreche den traditionellen Gender-Rollen Mexikos.