Die Präsidentschaftswahl am 28. März ist zweifellos die am härtesten umkämpfte Wahl in der turbulenten Geschichte Nigerias. Für das bevölkerungsreichste Land Afrikas birgt sie viele Risiken – aber auch Chancen: Nigeria hat ein immenses Potenzial, wenn es gelingt, die Vorteile der Demokratie und seiner demografischen Lage zu nutzen. Beides kommt bei dieser Wahl zum Tragen.

Rund drei Viertel der 170 Millionen Nigerianer sind unter 35, die Hälfte ist unter 18. Der niedrige Altersdurchschnitt der Bevölkerung ist einer der Gründe für die Heißblütigkeit im Vorfeld der anstehenden Wahl, denn es gibt sehr viele Erstwähler. Unbekümmert von den Schwierigkeiten, die das Land in der Vergangenheit hatte, wünschen sich diese jungen Wähler einfach ein Land, das ihnen eine bessere Zukunft verspricht.

Seit dem Ende der Militärherrschaft im Mai 1999 erlebte Nigeria 16 Jahre lang ununterbrochen Zivilregierungen, die längste Zeitspanne in seiner Geschichte. In dieser Zeit hat sich die Justiz als wichtiger Stabilitätsfaktor bei Wahlen erwiesen. Es wurden Institutionen zur Korruptionsbekämpfung geschaffen, wenn auch mit gemischtem Ergebnis. Diese Bemühungen zahlen sich nun bei der bevorstehenden Abstimmung aus. Die Nigerianer können zwischen zwei Parteien wählen, der regierenden PDP (Peoples' Democratic Party) und der oppositionellen APC (All Progressives Congress), die beide eine echte Chance auf die Präsidentschaft haben. Das bedeutet schon einen Fortschritt.

Die Wahlorganisatoren stehen allerdings zunächst vor einer technologischen Herausforderung. Um dem schlechten Ruf des Landes wegen seiner kontroversen Wahlausgänge entgegenzuwirken, wird die Wahlkommission Nigerias (Inec/Independent National Electoral Commission) erstmals ein neues biometrisches Verfahren zur Wähleridentifizierung anwenden. Wie dieses Experiment funktioniert, könnte das Ergebnis der Wahlen und ihre Akzeptanz bestimmen.

Doch das ist längst nicht die einzige Gefahr für einen geordneten Ablauf der Abstimmung. Sie findet zu einer Zeit statt, in der das Land gegen die brutale extremistische Gewalt der Terrorgruppe Boko Haram im Nordosten kämpft, durch die allein im vergangenen Jahr mehr als 11.000 Menschen starben und die fast zwei Millionen Menschen in die Flucht getrieben hat. Vor Kurzem leistete Boko Haram dem "Islamischen Staat" (IS) einen Treuschwur.

Diese katastrophale humanitäre Lage stellt auch die Wahlorganisatoren vor Probleme. Die Wahl wurde bereits um sechs Wochen verschoben, angeblich um Zeit für die Wiederherstellung der Sicherheit in den von Boko Haram bedrohten Regionen zu gewinnen. Das Militär kann in letzter Zeit einige Erfolge verbuchen und konnte rund 40 Städte und Siedlungen von den Extremisten zurückerobern. In Verbindung mit den Ausschreitungen in den Bundesstaaten im mittleren Norden und dem Kampf um die reichen Ressourcen im Niger-Delta bringt diese Gewalt die internen Sicherheitskräfte Nigerias allerdings an ihre Grenzen und drängt die bevorstehende Wahl etwas in den Hintergrund.

Die außerordentliche Widerstandskraft und Vielfalt Nigerias werden auf eine harte Belastungsprobe gestellt. Von Gewalt begleitete Wahlen sind dem Land nicht unbekannt, aber die Ereignisse dieses Jahres stellen alles in den Schatten. Die nationale Menschenrechtskommission, deren Vorsitz ich habe, hat 2015 bereits zahlreiche Todesfälle aufgrund politischer Gewalt verzeichnet. Im Januar dieses Jahres handelten der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan und sein ehemaliger Commonwealth-Kollege, Chief Emeka Anyaoku, ein Friedensabkommen zwischen den wichtigsten Parteien Nigerias aus, um die politische Gewalt einzudämmen. Die Wirkung hält sich in Grenzen.