Sie umringen ihn wie einen Popstar. Fuchteln mit Zetteln und Stiften für die Autogramme, andere bitten um seine Handynummer. Jibran Nasir, 28 Jahre, schwarzes Gewand, akkurat gestutzter Bart, kritzelt geduldig Ziffern auf das Papier und blickt lächelnd in die Runde. Familienväter, Studenten und Schülerinnen haben sich um ihn im Garten des Beach Luxury Hotel in der pakistanischen Küstenstadt Karatschi versammelt. "Deine Arbeit ist essenziell in diesen Zeiten", ruft einer. "Was können wir selbst tun?", fragt ein anderer. "Nutzt Facebook, schreibt Artikel, verbreitet unsere Botschaft auf friedlichem Weg", antwortet Nasir. Die Männer und Frauen nicken. Sie wollen sich endlich wehren, sagen sie, gegen die Übermacht der Taliban und die rabiate Gewalt, die Pakistan heute so fest im Griff habe. Und Jibran Nasir soll sie führen.

Der Anwalt und Aktivist Jibran Nasir gilt vielen als neue Ikone des zivilen Widerstandes gegen den Terror in Pakistan. Mehr noch: Für einige Kommentatoren ist der Blogger aus Karatschi das Gesicht einer erstarkenden Bürgerbewegung, die sich seit einigen Wochen so resolut gegen die Übergriffe militanter Gruppen positioniert wie selten zuvor. Auslöser war das Attentat in Peshawar im Dezember, bei dem Taliban-Kämpfer mehr als 130 Schulkinder töteten. Danach erfasste eine nie gekannte Welle der Wut und Solidarität das Land. Die pakistanische Zivilgesellschaft war plötzlich so sichtbar und laut wie vielleicht nie zuvor. Und Nasir setzte sich an ihre Spitze. 

Er rief erstmals öffentlich zu Protestmärschen auf und kritisierte dabei auch jene religiösen Führer im Land, die an der Gewalt nichts Falsches finden konnten, sie gar guthießen. Er organisierte Sit-ins und Mahnwachen, etwa vor der berüchtigen Roten Moschee in Islamabad, dem Wirkungsort des radikalen Predigers Abdul Aziz Ghazi, der sich geweigert hatte, das Schulmassaker zu verurteilen. 400 Menschen folgten Nasir in jenen Tagen im Dezember. Das scheint wenig, doch in einem Land, in dem sonst viele aus Angst vor Racheakten solchen Kundgebungen lieber fernbleiben, ist es ein Novum.

Die Lethargie durchbrechen

Seitdem schließen sich immer mehr Nasirs #NeverforgetPakistan-Initiative an: Bei Gedenkmärschen im Januar und Februar gingen Tausende Pakistaner in weltweit über 20 Städten auf die Straße. Stündlich erhält Nasir Solidaritätsbekundungen und Interviewanfragen, in regionalen Blogs wird detailliert über seine Aktionen berichtet, auf Facebook und Twitter folgen ihm Zehntausende.

Die Wut treibe ihn an, sagt Nasir jetzt und lässt sich auf einen Stuhl etwas abseits der Menge fallen. Er wolle die Lethargie durchbrechen, die seine Mitmenschen gefangen halte. Zu lange hätten Militär und politisches Establishment die militanten Gruppen gewähren lassen. "Wir müssen zeigen, dass nicht alle Pakistaner Terror unterstützen."

Lange schon engagiert sich Nasir für ein friedliches Miteinander der diversen ethnischen und religiösen Gruppen, leitet etwa die liberale Organisation Pakistan für alle und die Regionalgruppe der Khudi-Jugendinitiative, die sich für Toleranz und Dialog einsetzt. Als die Taliban 2013 nach einem Gottesdienst in Peshawar mehr als 100 Christen angriffen, organisierte Nasir Menschenketten um Kirchen herum. Auf Facebook fragte er: "Ich habe meinen Imam gebeten, die Attacke in der Kirche zu verurteilen. Ihr auch?" 

Der Staat kann oder will wenig tun gegen die Gewalt

Bei den Wahlen 2013 ließ er sich als unabhängiger Kandidat für einen Sitz in der Nationalversammlung aufstellen. Er verlor zwar die Wahl, erhielt aber viel Anerkennung, weil er es gewagt hatte, gegen die politische Elite anzutreten. Das amerikanische Foreign Policy Magazine zählt Nasir gar zu jenen pakistanischen Politikern, die einen entscheidenden Beitrag zum Kampf gegen konfessionsgebundene Gewalt leisten. 

Zu lange schon, so mahnen Experten einhellig, gehöre die Verfolgung von Minderheiten und Oppositionellen zum gefährlichen Alltag in Pakistan. Tausende Pakistaner sind im vergangenen Jahrzehnt durch Anschläge und Attentate umgekommen, darunter so prominente Figuren wie die einstige Premierministerin Benazir Bhutto oder die Aktivistin Perween Rahma. Doch der Staat konnte auch danach die Gewalt nicht eindämmen – oder wollte es nicht. Menschenrechtsorganisationen klagen immer wieder über enge Verbindungen des politischen Establishments zu den radikalen Organisationen. Auch in der Mitte der Gesellschaft bildete sich keine Koalition zur Gegenwehr.