Noch nie dürfte ein Treffen der Präsidenten Russlands und Kirgisistans größere Aufmerksamkeit erfahren haben als an diesem Montag nahe St. Petersburg. Seit dem 5. März war Wladimir Putin spurlos aus der Öffentlichkeit verschwunden, wo er doch sonst beinahe täglich auftritt. Endlich also ein offizieller Termin, der die uferlosen Spekulationen beenden würde: Ist er krank, lebt er überhaupt noch? War er in der Schweiz, weil seine Geliebte im Tessin ein Kind zur Welt brachte? Spielt sich hinter den Mauern des Kremls ein erbitterter Machtkampf ab, ist Putin etwa schon das Opfer eines Coups geworden? Beim Anbieter Betfair standen die Wetten 66:1, er habe an einem Judo-Trainingscamp in Nordkorea teilgenommen, und immerhin 100:1, er sei von Außerirdischen entführt worden.

Putin lässt jeden gern warten. Dass er pünktlich zu einer Verabredung erscheint, ist nahezu ausgeschlossen, ob er nun einen befreundeten Autokraten wie den kirgisischen Präsidenten Almasbek Atambajew empfängt oder die deutsche Bundeskanzlerin. In Strelna bei St. Petersburg trieb diese arrogante Angewohnheit die Spannung nur noch weiter in die Höhe: Stundenlang warteten Journalisten am Vormittag darauf, dass Putin im Konstantin-Palast eintreffen (die Wagenkolonne wurde gesichtet, er selbst nicht) und schließlich vor die Presse treten würde.

Glaubte man den Hellsehern des staatlichen russischen Fernsehens, dann musste er ja kommen: Der Sender Rossija hatte bereits am Freitag über das Gespräch Putins und Atambajews berichtet, als habe es bereits stattgefunden. Letztlich war es wohl nur die Ankündigung des Termins, die in der Vergangenheitsform vorgetragen wurde. Ein Beleg für das Ausmaß der Verwirrung war die skurrile Meldung dennoch.

Diverse Berichte und Pressemitteilungen des Kreml, die alte Aufnahmen als aktuelle ausgaben, hatten in den vergangenen Tagen dazu beigetragen. Hinzu kam die kurzfristige Absage der für vergangene Woche geplanten Reise nach Kasachstan, die nun von Freitag an nachgeholt werden soll. Putin, den sonst allgegenwärtigen Zaren, der seine Macht auch aus dem Kult um seine Person gewinnt, gab es zehn Tage lang nur aus dem Archiv – irgendwie musste das Bildvakuum gefüllt werden.

"Ohne Gerüchte wäre das Leben langweilig"

Als dann alle Kameras auf den russischen Präsidenten gerichtet waren, hielt es Putin offenbar nicht für nötig, seine Abwesenheit zu begründen. Alles nur Gerede, meinte er, "ohne Gerüchte wäre das Leben langweilig". Etwas blass war er vielleicht und schwitzte leicht, aber zumindest oberflächlich betrachtet wirkte der 62-Jährige gesund, sein Händedruck kräftig. Atambajew sekundierte: Putin habe persönlich am Steuer des Wagens gesessen und ihn durch den Park des Palastes gefahren, er sei "in einer exzellenten Form".

Dabei war Putins Gesundheitszustand im Grunde noch die harmloseste Erklärung, die ernsthafte politische Beobachter für sein Verschwinden in Betracht zogen. Gerade weil es in diesen Tagen kaum mehr möglich ist, belastbare Aussagen darüber zu treffen, was hinter den Mauern des Kreml vor sich geht, ob der Präsident wirklich noch alle Fäden in der Hand hält, sind auch sie auf Spekulationen zurückgeworfen. Alle Befürchtungen über eine Palastrevolution lassen sich nicht direkt belegen. Allerdings hat spätestens der Mord an dem prominenten Oppositionspolitiker Boris Nemzow gezeigt, dass es Risse geben muss in dem Gefüge, das Putin bislang so erfolgreich zusammenhalten konnte: Allein die Tatsache, dass die Staatsmedien offen Darstellungen der Ermittler widersprachen, ist ein Hinweis auf die herrschende Unsicherheit.

Die Kreml-Pressestelle hatte es schon vor dem Auftritt Putins in St. Petersburg aufgegeben, die immer neuen Gerüchte zu dementieren. "Das Thema ist beendet", hieß es zuletzt. Man will für Putin hoffen, dass es so ist: Dass der Grund für seine Abwesenheit vielleicht doch eine eher harmlose Erkrankung war, die nun ausgestanden ist. Und eben nicht die viel schwerere Krankheit, an der sein System in diesen Tagen leidet – und die sich nicht verstecken lässt, indem der Präsident ein paar Terminen fernbleibt und dann wieder auftaucht. Wenn es einen Machtkampf der Führungselite gibt, kann ihn Putin nicht vor Kameras weglächeln. Es war ein Lebenszeichen, mehr nicht.