Angela Merkel hatte im vergangenen Sommer eine Einladung Wladimir Putins zur Parade am 9. Mai erhalten und die Antwort lange offen gehalten. Nun hat sie sich überlegt dagegen entschieden. Sie kann nicht stumm auf der Tribüne den Einheiten jener Armee die Ehre geben, die unter dem Druck der Waffen im vergangenen Jahr Grenzen im Nachkriegseuropa zu eigenen Gunsten geändert hat. Wie sähe es aus, wenn auch Einheiten, die auf der Krim waren, an der Kanzlerin vorbeimarschierten?

Zudem wird diese russische Armee von vielen Nachbarstaaten wieder als Bedrohung empfunden. Dass Russland am Dienstag seinen endgültigen Rückzug aus dem Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa ankündigte, führt zu weiterem Misstrauen. Zwar hatte Moskau den Vertrag, der seit 1990 die konventionelle Rüstung begrenzen sollte, bereits vor acht Jahren einseitig ausgesetzt. Aber die neue Entscheidung symbolisiert in angespannter Atmosphäre einmal mehr die Abkehr vom Miteinander.

Die Truppenparade am 9. Mai, dem Siegestag im Großen Vaterländischen Krieg, dient außerdem weniger der persönlichen Ehrung jener, die im schrecklichsten aller europäischen Kriege ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Familien verloren haben. Diese Ehrung findet anderswo statt: in den Familien, auf Empfängen, beim Spaziergang durch den Gorki-Park oder vor dem Bolschoi-Theater, den traditionellen Treffpunkten der Überlebenden. Die Parade ist vor allem die Feier der Wehrbereitschaft damals – aber auch heute. Russland zeigt Waffen und grimmige Entschlossenheit auf den Gesichtern seiner Soldaten.

Diese Wehrbereitschaft hat im Verlauf des vergangenen Jahres eine aggressive Dimension erhalten. Sie ist aus dem Militärschaufenster auf die Schlachtfelder gezogen. Die russische Armee steht für die Unterstützung der Kämpfer in der Ostukraine und die Übernahme der Halbinsel Krim durch "freundliche grüne Männchen", wie es Präsident Wladimir Putin ausdrückte. Die Soldaten blockierten ukrainische Garnisonen und setzten ein gehetztes Referendum durch.

Die Machttechnologen des Kremls haben den Anschluss der Krim und die Kämpfe in der Ostukraine bewusst in eine Linie mit dem historischen Krieg 1941-1945 gesetzt. Das orange-schwarze Georgbändchen, das seit einem Jahrzehnt als Symbol des Kriegsgedenkens an Rückspiegeln und Autoantennen baumelt, wurde zum Siegeszeichen der Krim-Heimholung umgedeutet. Den Kampf der russischen Soldaten im Osten der Ukraine machten die Moskauer Propagandisten zur zweiten Verteidigungsschlacht gegen die "Faschisten". Umso besser war er der russischen Öffentlichkeit zu vermitteln. Bei der Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg klingen in Russland in diesem Jubiläumsjahr besonders laut politische Untertöne mit.

Schon die Feiern zum Jahrestag der Aufnahme der Krim in diesem Monat dehnen sich über eine Woche. Ihr Programm sieht ein Konzert samt Demonstration an der Kremlmauer vor, einen Autokorso durch Moskau unter dem Motto "Die Krim kehrte in ihren Heimathafen zurück" und einen Kostümumzug im Schwarzmeerhafen Sewastopol. Das Bildungsministerium befürwortet zudem, in den Schulklassen 1 bis 11 Sonderstunden zur Geschichte der Krim abzuhalten. An der Vokabel "heroisch" dürfte dabei kein Mangel herrschen.

In einem Interview hat Präsident Wladimir Putin gerade bekannt, dass er den Entschluss zur "Rückführung der Krim" bereits am Morgen des 23. Februars 2014 getroffen habe. Putins Bekenntnis ist ein weiterer Schlag für das gestörte Vertrauensverhältnis zwischen dem Westen und Russland. Denn am 4. März, neun Tage nach der erwähnten Entscheidung, verkündete Putin noch öffentlich, eine Eingliederung der Krim in die russische Föderation sei nicht vorgesehen. Sein Pressesprecher legte wenig später nach und sagte: "Was im Osten (der Ukraine) und auf der Krim passiert, steht in keiner Beziehung zur Russischen Föderation."