Die syrische Tragödie scheint in Horrorziffern erstarrt. Mindestens 210.000 Menschen haben bisher ihr Leben verloren. 450.000 sitzen nach Angaben der Syrischen Menschenrechtsliga in den Kerkern des Regimes. Tag für Tag foltern Assads Schergen etliche Gefangene zu Tode, weiß der bekannte Menschenrechtler Abdulkarim Rihawi zu berichten. Er hat in Kairo Zuflucht gefunden. Mehr als 20.000 Opfer sind spurlos verschwunden.

Was vor vier Jahren, am 15. März 2011, als friedliche Demonstration für mehr Bürgerrechte und Demokratie gegen die jahrzehntelange Willkürherrschaft des Assad-Clans begann, ist heute ein bestialischer Krieg aller gegen alle. Das zurückliegende Jahr war mit 76.000 Toten das bisher schlimmste in dem schier endlosen Gemetzel. Wohnviertel und Fabriken, Krankenhäuser und Schulen, Straßen und Brücken sowie weite Teile des kulturellen Erbes in Syrien liegen in Trümmern. Armut, Hunger und Kälte herrschen im gesamten Land, das wohl niemals wieder als Nation zusammenfinden wird. "Die Zahl der Todesopfer und das Leid der Zivilisten haben untragbare Ausmaße erreicht", beklagt Joanne Liu, die internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen und bezeichnete die derzeit geleistete humanitäre Hilfe als "völlig unzureichend".

Im internationalen Bewusstsein scheinen die unsagbaren Verbrechen des Baath-Regimes inzwischen zu verblassen, seit die Onlinevideos aus der Region dominiert werden von der teuflisch inszenierten Barbarei des "Islamischen Staates". Die bärtigen Gotteskrieger schneiden vor laufender Kamera Gefangenen in orangefarbenen Guantánamo-Overalls die Köpfe ab, kreuzigen Menschen auf öffentlichen Plätzen, versklaven Frauen, stoßen Homosexuelle gefesselt von Dächern, verbrennen einen jordanischen Piloten bei lebendigem Leib und filmen – wie Anfang der Woche – einen Minderjährigen dabei, wie er einen angeblichen Spion per Kopfschuss ermordet. In Europa, Asien, Australien und Amerika gilt die Terrormiliz, die mittlerweile Kämpfer aus mehr als 80 Staaten in ihren Reihen hat, als eine universale Bedrohung ganz neuen Typs. Das Regime in Damaskus dagegen inszeniert sich genüsslich als das angeblich kleinere Übel – eine Rechnung, die aufzugehen scheint.

Assad behält die Oberhand

Von Anfang an hatte Baschar al-Assad das Aufbegehren seines Volkes als Revolte von Terroristen gegen seine säkulare Regierung denunziert – eine PR-Strategie, an der er bis heute unbeirrt festhält. Um dieses Narrativ zu untermauern, schonten Armee und Luftwaffe bewusst die Stellungen des "Islamischen Staates". Nach einer Studie des IHS Jane's Terrorism and Insurgency Center sparte Damaskus bei 94 Prozent seiner Angriffe die Gotteskrieger aus und quälte stattdessen die eigene Bevölkerung mit seinen verheerenden Fässerbomben.

Im Gegenzug richtete der "Islamische Staat" lediglich 13 Prozent seiner Attacken gegen syrische Soldaten, dafür aber 87 Prozent gegen andere Rebellengruppen und die Zivilbevölkerung. Die meisten Verbände der moderaten Regimegegner sind dezimiert oder aufgerieben. Als einer der letzten streckten jetzt die Hazm-Brigaden von Aleppo nach einer Offensive der Al-Nusra-Front die Waffen. Mehr als hundert moderne US-Panzerabwehrraketen fielen den Gotteskriegern in die Hände, die zu Al-Kaida gehören, und jetzt neben dem "Islamischen Staat" die Rebellenszene in Syrien dominieren.

Trotzdem behält Baschar al-Assad in Damaskus die Oberhand. 40 Prozent der Staatsfläche mit 60 Prozent der Bevölkerung sowie fast alle größeren Städte stehen unter seiner Kontrolle. Kürzlich brüstete er sich in einem Fernsehinterview, die vom Ausland inszenierte Revolte gegen seine Herrschaft endgültig niedergeschlagen zu haben. "Wenn man mir unterstellt, ich sei ein Diktator, der seine rechtschaffenden Landsleute tötet, warum habe ich dann diesen Erfolg, wo doch angeblich alle Syrer gegen mich sind", fragte er ironisch.

In Europa und den Vereinigten Staaten jedenfalls sind die Rufe nach einem Sturz Assads seit dem IS-Aufmarsch leiser geworden, auch wenn US-Außenminister John Kerry den syrischen Tyrannen am Freitag über seine Sprecherin erneut zum Rücktritt aufforderte. "Jeder Tag bringt neuen Horror", beklagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und drohte dem Regime an, seine schweren Verbrechen würden nicht ungestraft bleiben. Ein militärisches Eingreifen des Westens gegen Assad jedoch steht nicht mehr zur Debatte, seit das Regime im September 2013 nach einem Giftgasangriff seiner Artillerie auf Vororte von Damaskus überraschend zustimmte, sein Chemiewaffen-Arsenal internationalen Inspektoren auszuhändigen.