Gut, sagt sie, als wir uns in einem Beiruter Café treffen, reden wir über die Revolution. Dieses Wort lässt sie sich nicht nehmen, obwohl daraus längst ein barbarischer Krieg geworden ist. Sana Yazigi, Syrerin, Mitte 40, verheiratet, Mutter zweier Kinder, Grafik-Designerin, eine kleine, zierliche Frau, chronisch erschöpft und hellwach. Wie man eben wird, wenn plötzlich alles außer Kontrolle geraten ist.

"Ich gehörte zu den Ängstlichen", sagt sie, als müsse sie auf ein körperliches Gebrechen hinweisen. Dabei hatten alle Angst, damals, im März 2011. Angst ist die Barrikade vor dem Schritt nach draußen auf die Straße. Mit den anderen demonstrieren oder doch daheim bleiben, weil das alles nicht gut gehen kann? Zuhören, wenn in den Cafés flüsternd von Verhaftungen berichtet wird – oder sich taub stellen? Hinschauen, wenn die Bilder der Gefolterten auf Facebook-Seiten auftauchen? "Irgendwann habe ich einfach aufgehört zu denken und bin losgelaufen", sagt Sana Yazigi.

Auf den Demonstrationen in Damaskus im Frühjahr 2011 erkannte sie ihre Landsleute nicht wieder. Sprechchöre, die bis dahin dem Präsidenten Baschar al-Assad Treue "bis zum letzten Blutstropfen" geschworen hatten, skandierten plötzlich: "Wir wollen Würde." Oder: "Weg mit den Dieben."


Die ersten Slogans in Daraa und Damaskus, Hama und Homs waren keineswegs revolutionär. Es ging um Reformen, um ein Ende der Korruption, um die Aufhebung des Ausnahmezustands, der in Syrien seit fast fünfzig Jahren andauerte.

Doch die Formen des Protests waren vom ersten Tag an verblüffend kreativ, als hätten die Leute jahrelang heimlich für diesen Moment geübt: Transparente mit ausgefeilten Karikaturen und Wortspielen, raffiniert umgedichtete Volkslieder. Manche verwandelten die Tänze und Gesänge der Arada, der traditionellen Fest-und Hochzeitsfeiern, in politische Songs, "und ich", sagt Sana Yazigi, "tanzte plötzlich mit wildfremden Leuten auf der Straße".

Grüße von Bazillen an Ratten

Nichts wirkt so gut gegen Angst wie Tanzen, Spotten und das Wissen, nicht allein zu sein. "Syrische Bazillen grüßen libysche Ratten" schrieben sie auf die Transparente. Das war im Sommer 2011, auch die Libyer hatten sich erhoben. Muammar al-Gaddafi hatte die libyschen Demonstranten als "Ungeziefer" bezeichnet, Baschar al-Assad den Protest in Syrien als "Infektion des Volkskörpers".

Selbst die Forderung nach dem Abtritt Assads wurde anfangs nicht gebrüllt, sondern gesungen. "Yalla irhal ya Bashar" lautete der Refrain eines der Protestlieder, "Komm schon, Baschar, hau endlich ab." Geschrieben hatte es Ibrahim Kashoush, ein Arada-Sänger und Maurer aus der Stadt Hama. Es wurde zu einer landesweiten Hymne. Dann erstarb sie in der Gewalt. 

Anderthalb Jahre hielt Sana Yazigi durch, demonstrierte, organisierte, debattierte, hoffte auf einen Neuanfang für ihr Land. Im Sommer 2012, als sich die Massaker des Regimes häuften, als auch Rebellengruppen erste Gräueltaten verübten, zogen sie und ihr Mann mit den Kindern nach Beirut. Flucht will sie das bis heute nicht nennen. Als der tägliche Druck von ihr abfiel, stürzte sie in eine Depression. Alle Energie, alles Empfinden, alle Angst fror ein. So ging das zwei Monate, dann drang wieder etwas zu ihr durch: die Nachricht vom Foltertod eines Freundes in Regime-Haft. "Da dachte ich mir: ich kann nicht weiter herumliegen."

Ein digitales Gedächtnis

Wenige Wochen später hatte sie die ersten Entwürfe für ein Projekt fertig, das sie The Creative Memory of the Syrian Revolution nennt. Ein digitales Gedächtnis der Revolution – Internet-Archiv und Live-Kommentar zum täglichen Überlebenskampf, Hommage an die Künstler des Landes und an die Aktivisten, die sich der Kunst bedienen – mit Kalligraphie, Graffiti, Theater, Comics, Bildhauerei, Poesie. Das passt so gar nicht zur dominierenden Wahrnehmung Syriens als Land der Kalaschnikows und Massengräber. "Aber man kann unsere Geschichte nicht einfach auf die Gewalt von Armee, Milizen und Rebellen reduzieren", sagt Sana Yazigi.

Ein Gedächtnis sucht nach dem Anfang und den Ursachen. Wo und wann begann diese Revolution? Und warum? Vielleicht schon im Februar 2011 in Damaskus, als ein Polizist einem Passanten ins Gesicht schlägt und sich die Umstehenden spontan zu einem Sit-In entschließen. Ganz sicher im März in Daraa im Süden des Landes, wo achtzehn Teenager wegen Assad-kritischer Graffitis verhaftet und gefoltert werden. Dass das Regime auch Jugendliche misshandelt, ist nichts Neues. Aber womöglich sind achtzehn einfach zu viele.

"Assad für immer, oder wir brennen das Land nieder"

Karrikatur mit dem Untertitel "Die syrische Revolution von Kafranbel" © on.fb.me/16OBqJN

Womöglich hätte der örtliche Sicherheitschef, ein Cousin von Baschar al-Assad, die Eltern nicht auffordern sollen, sich zum Teufel zu scheren und ihre Kinder zu vergessen. So gehen erst die Familien, dann Hunderte, dann Tausende Bürger auf die Straße. Das Regime lässt die Schüler frei, verspricht weniger Korruption, schickt gleichzeitig Panzer und Scharfschützen nach Daraa, Homs und Hama.

Vielleicht wäre der Protest auf diese Weise erstickt worden, hätten Sicherheitskräfte Anfang Mai in Daraa nicht wieder einen Schüler verhaftet und den Eltern seine Leiche zurückgebracht. Statt zu schweigen, veröffentlicht die Familie des 13-jährigen Hamza Ali al-Khatib ein Video, das die Folterspuren zeigt: Hämatome, Brandwunden, zertrümmerte Kniescheiben, gebrochener Kiefer, abgeschnittene Genitalien. Spätestens jetzt weiß jeder: mit diesem Regime ist nicht zu verhandeln.

Über tausend Menschen hatten die Sicherheitskräfte in den ersten fünf Monaten des Protests ermordet, Tausende saßen in Haft, Städte waren von der Armee abgeriegelt, der Protest wurde in den Staatsmedien als "Terrorismus" denunziert. Anfang Juli 2011 singt Ibrahim Kashoush sein Yalla irhal ya Bashar vor Hunderttausenden in der Stadt Hama, wenige Tage später wird seine Leiche entdeckt, laut Augenzeugen mit durchschnittener Kehle und herausgerissenen Stimmbändern – eine unmissverständliche Botschaft an ein Volk, das seine Sprache wiedergefunden hat.

Kurz darauf stürmen in Idlib erstmals Demonstranten ein Polizeigebäude, von dem aus Tags zuvor auf einen Trauerzug geschossen wurde, und plündern das Waffendepot. Am 29. Juli 2011 wird die Freie Syrische Armee gegründet, ihre Reihen füllen sich auch mit Überläufern aus Assads Militär. Dessen Sturz, so glaubt die FSA, ist nur eine Frage der Zeit. Ein grausamer Irrtum. "Aber ich kann verstehen", sagt Sana Yazigi, "dass die Leute damals zu den Waffen gegriffen haben, um sich zu verteidigen."

Assad, das kleinere Übel?

Die Rekonstruktion der Anfänge ist nicht nur eine Frage der chronologischen Ordnung. Sie entscheidet, wie diese Revolution einmal erzählt werden wird: Als Aufruhr, dem von Beginn an ein sektiererischer Bürgerkrieg zwischen sunnitischen Islamisten und regimetreuen Alawiten eingeschrieben war. Oder als Aufstand vieler, wenn auch keineswegs aller, Syrer gegen ein Regime, das, gewarnt durch den Sturz der Diktatoren in Tunesien und Ägypten, die Parole ausgab: "Assad für immer, oder wir brennen das Land nieder."

Je länger der Bürgerkrieg andauert, je horrender der "Islamische Staat" seine Verbrechen inszeniert, desto größeres Echo findet die Version vom Assad-Regime als kleinerem Übel, als unangenehmem aber notwendigen Partner im "Krieg gegen den Terror".

Das Syrien Assads, schreibt der amerikanischen Nahost-Experte Nir Rosen, in einem Papier, das Anfang des Jahres in Washington Aufsehen erregte,  sei doch gar nicht so furchtbar gewesen. Es habe ein starkes Bildungs- und Sozialwesen gehabt und "im Vergleich zu den meisten arabischen Regierungen war es sozial progressiv und säkular". Die bewaffnete Opposition, sagt Rosen, sei von Beginn an antidemokratisch und islamistisch, die moderate Opposition eine westliche Illusion gewesen.

Für Sana Yazigi kommt diese Behauptung einer Verhöhnung der Toten gleich, und es ist das einzige Mal in diesem Gespräch, dass sie hörbar wütend wird. "Ihr könnt uns nicht vorwerfen, dass es keine moderate Opposition gibt, wenn ihr am Anfang selbst zugesehen habt, wie diese Opposition umgebracht wurde."
"Ihr" – das ist der Westen.

Strategisches Verhältnis zum Islamismus

Säkular und sozial progressiv – diese Etiketten klebt sich das Regime bis heute auf. Dabei war das Verhältnis der Assad-Dynastie zum Islamismus immer schon strategisch gewesen. Es variierte zwischen blutiger Repression, Vereinnahmung und gezielter Instrumentalisierung. Im Sommer 2011 entließ das Regime Hunderte von radikalen Islamisten aus den Gefängnissen – wohl wissend, dass diese den moderaten Fraktionen des Aufstands Konkurrenz machen würden. Den IS ließ und lässt Assad bis heute weitgehend gewähren, solange letzterer vor allem gemäßigtere Rebellengruppen massakriert. Und von sozialer Stabilität war im Syrien vor Beginn des Aufstands nicht mehr allzu viel übrig geblieben.

Als Baschar al-Assad im Jahr 2000 die Nachfolge seines Vaters Hafez antrat, so Sana Yazigi, "hatten wir gehofft, dass er mehr Freiheit zu lassen würde." Doch der junge Assad lockerte nicht die Kontrolle über das Volk, sondern über den Markt. Sein 2006 verkündeter Übergang vom "Sozialismus" zu einer "sozialen Marktwirtschaft" garantierte vor allem der alawitischen Machtclique um den Präsidenten eine neue Quelle der Selbstbereicherung durch Privatisierung. Die Bevölkerung im Hinterland litt zunehmend unter Preissteigerungen und gekürzten Subventionen. Im Syrien am Vorabend der Revolution lebten laut UN elf Prozent der Bevölkerung in extremer Armut, die Arbeitslosigkeit wurde auf bis zu 30 Prozent geschätzt, Kinderarbeit war weit verbreitet. Dürreperioden und schlechte Ernten hatten viele Bewohner in die Armutsgürtel der Städte getrieben.

"Wir wollen Würde" – das war auch eine ökonomische Forderung, und Ibrahim Kashoush, der Sänger aus der Arbeiterschicht, war durchaus typisch für die "Rädelsführer" der ersten Wochen und Monate. "Wir Akademiker und Künstler saßen anfangs in den Cafés", sagt Sana Yazigi, "und erklärten uns gegenseitig, warum das alles nicht funktionieren kann. Manche waren regelrecht gekränkt und verächtlich." Das gemeine Volk rief plötzlich nach der Freiheit, über die zu reden und zu schreiben die Intellektuellen als ihr Privileg angesehen hatten.

Antigone in Syrien

Jetzt finden sie im Exil wieder zusammen. Einige zumindest. Gerade haben in Beirut syrische Flüchtlingsfrauen, die meisten aus einfachsten Verhältnissen stammend, mit dem syrischen Theaterschriftsteller Mohammed al Attar das Stück Antigone in Syrien aufgeführt.

Dessen Entstehung ist ebenso in Sana Yazigis "Kreativem Gedächtnis" festgehalten wie die Video-Aufnahmen von Ibrahim Kashoush's Auftritten. Täglich durchkämmen Yazigi und eine Handvoll Mitarbeiter syrische Facebook-Seiten, werten Videos aus, überprüfen, so weit möglich, Quellen und Informanten, sortieren nach Datum und Genre, übersetzen aus dem Arabischen ins Englische und Französische. Das Archiv umfasst inzwischen 5.000 Dokumente in Form von Filmen, Bildern, Fotos von Graffitis, Skulpturen, Gemälden, Essays, Gedichten, Podcasts, Interviews und Testimonials: Darunter die Bilder vom "Fluss-Marathon", einem Langstreckenlauf im Dezember 2014 im umkämpften Aleppo zum Gedenken an Folteropfer des Regimes; die Transparente des Medien-Büros der Stadt Kafranbel, das seit Anfang 2011 jeden Freitag demonstriert – trotz Luftangriffen des Regimes und religiösem Terror durch den "Islamischen Staat".

Unter der Rubrik "Graffiti" finden sich pathetische Märtyrerparolen aber auch Galgenhumor, gesprüht an die Tafel eines zerstörten Klassenzimmers: "Wir haben uns im Spaß immer gewünscht, dass mal einer die Schule bombardiert. Jetzt ist es wirklich passiert." Unter "Karikaturen" sind dumpfe Islamisten mit Blut triefenden Bärten zu sehen, die antike Statuen verschleiern oder als böser Geist aus Assads Flasche steigen. Der Diktator mit Segelohren rauscht im Weihnachtsschlitten durch den Himmel und verteilt Bomben mit roten Schleifen. Die internationale Staatengemeinschaft reitet auf einem Schaukelpferd zu Hilfe.

Dokumente einer trotzigen Hoffnungslosigkeit

Je aktueller die Beiträge sind, desto spürbarer wird die trotzige Hoffnungslosigkeit. "SiegeMeals" heisst die Facebook-Seite eines Regime-Gegners, der Rezepte für belagerte Städte notiert. Gegrillte Spatzen, geröstete Heuschrecken, Gras-Salat mit einer Olive – alles garniert mit sardonischen Sprüchen: "Ich weiß nicht, ob es sich bei diesen Samen um ein Gewürz oder Henna handelt, aber es ist essbar."

Es ist die Dokumentation einer Revolution im Sterben. Über 200.000 Tote, sieben Millionen Vertriebene, ein zerstörtes Land, ein Regime, das sich in regionalen Machtbastionen verschanzt hat, dazu ein islamistischer Extremismus, der eine Religionsdiktatur einführt.

Der Protest habe nie Aussicht auf Erfolg gehabt, in Syrien fehlten einfach die politischen und demografischen Voraussetzungen für einen demokratischen Wandel. Schon allein deshalb seien westliche Waffenlieferungen falsch und verwerflich. Auch dieses Argument gewinnt mit der Dauer des Krieges an Anhängern in Syrien wie im Ausland. Sana Yazigi muss lachen, wenn sie das hört. "So funktioniert das Leben nicht" sagt sie. Eine Revolution sei kein kontrollierter Laborversuch, den man nach schlechten Messwerten einfach abbrechen könne.

Die Idee ist nicht gescheitert

Sie will jetzt nur noch, dass dieser Krieg aufhört. "Dieser Aufstand ist gescheitert, aber nicht die Idee, die hinter ihm steckt." Gescheitert zuallererst an der Brutalität des Regimes, sagt sie, und einer internationalen Staatengemeinschaft, die diese Brutalität hingenommen habe. Was bleibt, ist ein Gefühl der absoluten Verlassenheit. Für Leute wie Yazigi, die man als "prowestlich" bezeichnen darf, bedeutet das neben dem Verlust der geografischen auch den Verlust einer politischen Heimat. Man kann mit ihr lange darüber diskutieren, dass die Syrien-Politik des Westens ein Resultat der Ratlosigkeit und nicht irgendeiner Verschwörung war. Es hilft nichts: Sie ist heute fest überzeugt, dass nicht nur Russland, sondern auch Amerika und Europa Assad an der Macht halten wollen.

Wie es weiter geht? Sie zuckt mit den Achseln. "Wahrscheinlich werden wir wie die Palästinenser: jedes Jahr reden wir uns aufs neue ein, dass wir bald nach Hause zurückkehren."