ZEIT ONLINE: Was bedeutet der Terrorangriff auf das Bardo-Museum für Tunesien?

Alaya Allani: Dieser Anschlag ist der erste in Tunis überhaupt und ereignete sich unmittelbar neben dem Parlament. So etwas hat es noch nie gegeben in der Geschichte unseres Landes. Das wird die Zivilgesellschaft, die Regierung und die politischen Parteien noch stärker mobilisieren, dem Terrorismus entgegenzutreten. Die Verabschiedung des Anti-Terror-Gesetzes, das momentan im Parlament beraten wird, wird beschleunigt werden. Es wird sicher Konsequenzen geben, was die konkrete Polizeiarbeit vor Ort angeht. Auch wird man die ganze Lage des islamistischen Dschihadismus in der Region neu bewerten müssen.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie konkret?

Allani: Ich denke vor allem an Libyen und Algerien, unsere beiden direkten Nachbarn. Libyen geht durch eine sehr instabile Phase, die auch Auswirkungen auf unser Land hat. Wir haben eine lange Grenze mit Libyen. Wir müssen mit allen Kräften helfen, dass dort der Nationale Dialog zwischen den beiden verfeindeten Kontrahenten wieder in Gang kommt – dem islamistischen Lager im Westen und dem mehr säkularen Lager im Osten. Abgesehen davon besteht die Gefahr, dass sich die Terroristen aus Algerien und Libyen zusammenschließen.

ZEIT ONLINE: Wer sind die Täter des Angriffs?

Allani: Die beiden erschossenen Terroristen sind nach Angaben aus Kreisen der Polizei sehr jung und Grenzgänger zwischen Algerien und Tunesien. Hinter dieser Operation stehen nach meiner Einschätzung die Extremisten von Okba Ibn Nafaa, einer Terrorzelle von Al-Kaida im Islamischen Maghreb (Aqmi). Die Gruppe besteht zu 70 Prozent aus Algeriern und zu 30 Prozent aus Tunesiern. Sie ist sehr gut organisiert und hat sich in den Chaambi-Bergen nahe der Grenze zu Algerien verschanzt. Dort operiert auch ein zweites Terrorkommando: Ansar al-Scharia, das jedoch von den Sicherheitskräften in jüngster Zeit stark dezimiert wurde. Es gab 1.500 Verhaftungen. Die Führung sitzt entweder im Gefängnis oder ist im Exil. Die viel gefährlichere und radikalere Gruppe ist darum Okba Ibn Nafaa. Sie ist verantwortlich für zahlreiche Terroraktionen, vor allem das Massaker an tunesischen Soldaten im Juli 2014 während des Ramadans, als 15 Soldaten starben und 20 verletzt wurden.

ZEIT ONLINE: Wie gut ist Tunesiens Polizeiarbeit gegen den Terror?

Allani: Seit der Revolution des Arabischen Frühlings 2011 gab es in Tunesien 28 Terroranschläge, bei fast allen hatten die Täter die Sicherheitskräfte im Visier. Die Arbeit von Polizei und Armee hat sich in den vergangenen Jahren wesentlich verbessert. Ihre Sicherheitsstrategie ist viel entwickelter als früher, trotzdem hat sie das Blutbad im Zentrum von Tunis nicht verhindert. Dieser Anschlag auf das Bardo-Museum ist vergleichbar mit dem Attentat auf Charlie Hebdo in Paris oder dem großen Autobombenanschlag auf die Polizeizentrale in Kairo Anfang 2014. Das Tückische bei dem Anschlag in Tunis ist, dass die Attentäter sich mit Uniformen verkleidet hatten. Wichtig ist daher, dass Tunesiens Militär Methoden entwickelt, künftig falsche und echte Soldaten zu unterscheiden.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist die Gefahr des "Islamischen Kalifats" für Tunesien?

Allani: Etwa 3.000 junge Tunesier kämpfen in Syrien und im Irak, erstaunlich viele stammen aus der Mittelklasse, haben studiert, waren arbeitslos oder hatten eine Nähe zu salafistischen Kreisen. Die Ennahda-Partei in Tunesien glaubt ja auch an die Idee eines Kalifats. Das ist eigentlich ein theologisches Konzept, das Radikale in Syrien und im Irak jetzt mit extremer Gewalt in die Tat umsetzen wollen. Ennahda muss daher überlegen und tut das auch, ob sie sich von dieser Idee des politischen Islams nicht komplett verabschiedet. Die weit überwiegende Mehrheit der Muslime in Tunesien kann mit einem "Islamischen Kalifat" nichts anfangen. Der Islam hier ist moderat und tolerant. Um den Terror zu bekämpfen, muss man solche moderaten Einstellungen stärken. Aber wir müssen auch die soziale Lage in armen Stadtvierteln und Regionen verbessern, aus deren Milieus viele Terroristen stammen. Wir brauchen also eine dreifache Strategie – Sicherheit durch den Staat, Stärkung des moderaten Islams und Besserung der sozialen Lage.

ZEIT ONLINE: Was kann die Europäische Gemeinschaft tun, um Tunesien zu helfen?

Allani: Das Wichtigste wären wirtschaftliche Investitionen und Hilfen bei der Ausrüstung von Polizei und Armee. Wir brauchen bessere Waffen und effektive Grenzsicherungssysteme. Wir brauchen fachliche Unterstützung beim Training der Sicherheitskräfte. Und wir brauchen einen kräftigen Sprung nach vorn für unsere Volkswirtschaft.