Dzokhar Tsarnaev soll beim Anschlag auf den Boston Marathon 2013 drei Menschen getötet und 264 verletzt haben. Im US-Bundesstaat Massachusetts, dessen Hauptstadt Boston ist, gibt es zwar seit 1984 keine Todesstrafe mehr, doch weil Tsarnaevs Fall vor einem Bundesgericht verhandelt wird, könnte der Attentäter zum Tode verurteilt werden. In Boston sitzt der Schock über den Anschlag nach wie vor tief – trotzdem sind 62 Prozent der Menschen dort der Meinung, dass Tsarnaev lebenslang ins Gefängnis gehen und nicht hingerichtet werden sollte.

Auch Überlebende haben sich öffentlich gegen die Todesstrafe ausgesprochen. Lee Ann Yanni, die beim Boston Marathon verletzt wurde, sagte der Washington Post: "Das wird nichts daran ändern, was passiert ist. Davon wird niemand wieder lebendig."

Die Entscheidung im Fall Tsarnaev fällt mitten in eine andauernde Debatte über die Todesstrafe in den USA Einem neuen Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zufolge gehört das Land mit 35 Hinrichtungen im Jahr 2014 immer noch zu den Ländern, die am meisten Menschen zu Tode verurteilen – auch wenn das die niedrigste Zahl der letzten zwanzig Jahre ist. Mehr Exekutionen gibt es nur in China, im Irak und im Iran sowie in Saudi-Arabien.

Die USA rücken nicht ab von ihrer negativen Vorreiterrolle. Wird der Attentäter von Boston zum Tode verurteilt, dann könnten sich diejenigen bestätigt sehen, die das Recht, Verbrecher zu exekutieren, immer noch für ein zentrales Element des US-amerikanischen Systems halten. Landesweit unterstützen 63 Prozent der Bürger die Todesstrafe für verurteilte Mörder. Die Verhältnisse sind verglichen mit dem liberalen Boston also genau umgekehrt – auch wenn die Zustimmungsrate sinkt. Mitte der 1990er Jahre lag sie noch bei über 70 Prozent.

Die inneren Widersprüche, mit denen die Amerikaner beim Thema Todesstrafe kämpfen, werden an der Person des Generalbundesanwalts deutlich: Eric Holder hat mehrfach bekundet, er sei ein Gegner der Todesstrafe – und doch kündigte er im Januar an, dass er im Fall Tsarnaev dafür plädieren werde. Zur Begründung sagte Holder, die "Natur des Verbrechens und der angerichtete Schaden" rechtfertigten eine Hinrichtung des Täters.

Holder und das US-Justizministerium glauben offenbar, im Falle des Boston-Attentäters ein Zeichen setzen zu müssen. Seit 1964 sind nur drei Menschen durch Bundesgerichte zum Tode verurteilt und hingerichtet worden – darunter der Attentäter von Oklahoma City, Timothy McVeigh. Bei Terrorismus hört die reflektierte Haltung des Generalbundesanwalts zur Todesstrafe auf – obwohl es keinen Beweis dafür gibt, dass Exekutionen Terroristen abhalten. "Regierungen, die mit der Todesstrafe Verbrechen bekämpfen wollen, belügen sich selbst. Es gibt keine Belege dafür, dass die Todesstrafe mehr abschreckt als andere Strafen", sagt Oliver Hendrich, Vorstandssprecher von Amnesty International Deutschland. Insgesamt sitzen dem neuen Bericht der Organisation zufolge weltweit rund 19.000 Menschen in Todeszellen.

Fehleranfällig und rassistisch

In den USA sorgen nicht zuletzt die vielen Pannen bei Hinrichtungen für Diskussionen. Derzeit ist in Amerika die Giftspritze die  häufigste Methode bei Exekutionen. Nachdem mehrere Exekutionen mit langen Todesqualen für die Opfer endeten, weil etwas mit den Injektionen schief lief, soll der Supreme Court nun zumindest die Verfassungsmäßigkeit von Hinrichtungen durch Gift untersuchen.

Doch nicht nur die jüngsten Zwischenfälle stützen die Kritik der Gegner. Seit 1973 sind laut dem amerikanischen Death Penalty Information Center 151 zum Tode Verurteilte von den Vorwürfen gegen sie entlastet worden – das System ist also zu fehleranfällig, um sich rechtfertigen zu lassen. Rassistisch ist es auch: Gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil werden weit mehr Schwarze hingerichtet als Weiße. Und wenn das Opfer weiß war, wird der verurteilte Mörder eher exekutiert, als wenn es sich um einen Mord an einem Schwarzen handelt.

Die Gegner der Hinrichtungen haben also die wissenschaftlichen Fakten auf ihrer Seite. 18 US-Bundesstaaten haben die Todesstrafe ausgesetzt oder verboten – zuletzt hat der Gouverneur von Illinois die Praxis in seinem Staat beendet.