Ein beispielloser Terroranschlag im Zentrum der Hauptstadt hat in Tunesien Schock und Entsetzen ausgelöst. Zwei mit Kalaschnikows bewaffnete Terroristen überfielen am Mittwoch das berühmte Bardo-Nationalmuseum und töteten mindestens 19 Menschen, davon 17 Touristen. Zudem feuerten sie auf das nahe gelegene Parlament, wo gerade eine neue Anti-Terror-Gesetzgebung debattiert wurde.

Laut Augenzeugen soll sich einer der Attentäter sogar kurz auf dem Dach der Volksvertretung aufgehalten haben. Wie ein Polizeisprecher mitteilte, wurden die beiden Täter am Nachmittag in einem Feuergefecht getötet, bei dem auch ein Polizist ums Leben kam. Zuvor hatten die Sicherheitskräfte alle Volksvertreter in Sicherheit gebracht und die Umgebung weiträumig abgeriegelt.

Aus dem Museum konnten sich kurz nach dem Überfall etwa hundert Menschen durch Seitenausgänge in Sicherheit bringen. Am Nachmittag gelang es weiteren Touristen, unter dem Feuerschutz der Polizei zu fliehen – Alte und Junge, Frauen und Männer, Jugendliche und Kinder sowie Familienväter mit Kleinkindern auf dem Arm. Fotos aus dem Inneren des Museums zeigten verängstigte Besucher, die an den Wänden und auf dem Boden eines der Ausstellungsräume kauerten.

Nach Angaben des Innenministeriums befanden sich zur Zeit des Überfalls vier Touristenbusse auf dem Bardo-Parkplatz. Premierminister Habib Essid bildete einen Krisenstab. Präsident Beji Caid el Sebsi kündigte für den Abend eine Fernsehansprache an seine tunesischen Landsleute an, deren Volksaufstand gegen ihren Langzeit-Diktator Zine el-Abidine Ben Ali im Januar 2011 den Arabischen Frühling auslöste.

Kleine, hochgefährliche Al-Kaida-Szene

Über die Täter gab es zunächst keine gesicherten Informationen. Tunesien hat in der Grenzregion zu Algerien eine kleine, hoch gefährliche Al-Kaida-Szene. Gleichzeitig wird es von Bürgerkrieg und Radikalisierung im benachbarten Libyen immer stärker in Mitleidenschaft gezogen. Schätzungsweise 1,5 bis 3 Millionen Libyer leben inzwischen in dem kleinen Nachbarland. Die meisten haben sich vor der mörderischen Gewalt in ihrer Heimat in Sicherheit gebracht. Andere agieren als Waffenhändler, die Kriegsgerät aus den Arsenalen des im Oktober 2011 getöteten Diktators Muammar Al-Gaddafi in Richtung Algerien und Mali verschieben.

In Libyen haben im vergangenen Oktober radikale Gotteskrieger als erste in Nordafrika dem "Kalifen Ibrahim" alias Abu Bakr al-Baghdadi die Gefolgschaft geschworen. Ein Trainingslager der IS-Extremisten existiert inzwischen nur 45 Kilometer vom tunesischen Territorium entfernt. Im Westen Libyens hat sich ein IS-Kommando in Sabratha westlich der Hauptstadt Tripolis festgesetzt, auf halbem Wege zur tunesischen Grenze. Mehrere Selbstmordattentäter, die sich in Bengasi im Kampf gegen die Streitkräfte unter General Kahlifa Haftar in die Luft sprengten, waren Tunesier.

Die meisten ausländischen Gotteskrieger des "Islamischen Kalifates" in Syrien und im Irak stammen aus Tunesien – gefolgt von Saudi-Arabien und Marokko. Bezogen auf seine elf Millionen Einwohner liegt das kleine, säkulare Land am Mittelmeer damit im gesamten Nahen Osten einsam an der Spitze. Nach Schätzung des Innenministeriums kämpfen 3.000 junge Männer, teilweise auch junge Frauen, in Mesopotamien. 9.000 wurden bisher an der Ausreise gehindert, etwa 300 sind zurückgekehrt, mindestens 170 gestorben.