ZEIT ONLINE: Herr Leschtschenko, im Osten Ihres Landes wird die Waffenruhe nur noch vereinzelt unterbrochen. Erleben wir dafür in der Ukraine gerade einen Krieg der Oligarchen?

Sergej Leschtschenko: Das würde ja heißen, die Oligarchen kämpften gegeneinander. Das passiert nur unbemerkt von der Öffentlichkeit. Was aber gerade dominiert, ist die Auseinandersetzung zwischen der Regierung und dem wichtigsten Oligarchen. Der mächtigste Mann der Ukraine, Präsident Petro Poroschenko, hat einen Konflikt mit dem zweitmächtigsten Mann des Landes ausgetragen, offen.

ZEIT ONLINE: Sie meinen den Geschäftsmann und Ex-Gouverneur Ihor Kolomojskyj.

Leschtschenko: Ja, der Präsident versucht gerade zu demonstrieren, dass es für Oligarchen wie Kolomojskyj in der Zeit nach der Revolution keine Sonderrechte mehr gibt. Wenn sie ein politisches Amt innehaben, dürfen sie es nicht für den Vorteil ihrer eigenen Firmen benutzen, sich nicht auf Kosten des Staates bereichern. Und sie dürfen nicht ihre Privatarmee für ihre Interessen einsetzen.

ZEIT ONLINE: Ist Petro Poroschenko nicht ebenso ein Oligarch?

Leschtschenko: Poroschenko besitzt ein Medienunternehmen, ist immer noch Besitzer seines Schokoladen-Konzerns und hat politische Macht – diese Eigenschaften eines Oligarchen treffen also auch auf ihn zu. Aber es gibt keine Hinweise oder Beweise, dass er sein politisches Amt missbraucht, um sich zu bereichern. Er besitzt auch keine Anteile an Staatsfirmen wie UkrTransNafta oder UkrNafta, die die Öl- und Gasförderung sowie den Transport steuern.

ZEIT ONLINE: Weshalb war oder ist Kolomojskyj so mächtig?

Leschtschenko: Durch seinen Gouverneursposten für die Region Dnipropetrowsk hatte er in einem ziemlich wichtigen Teil des Landes die Macht inne. In der Region Odessa ist einer seiner Freunde im Gouverneursamt, und auch zu den politischen Anführern in Charkiw und Saporischschja hat er sehr gute Verbindungen. Er besitzt Anteile an der ukrainischen Servicefirma für Fluggesellschaften, kontrolliert eine ukrainische Bankenkette, besitzt seinen eigenen TV-Sender plus mehrere journalistische Websites. Und dann noch seine Armee. Zu den Bataillonen, die er aufgebaut hat, gehören Aidar, Asow, Dnepr 1, Dnepr 2 und das Donbass-Bataillon.

ZEIT ONLINE: Lange Zeit galt es als offenes Geheimnis, dass jeder Oligarch seine Gruppe von Abgeordneten im Parlament kontrolliert.

Leschtschenko: Vielleicht ist das heute immer noch so. Ich kann diese Gerüchte aber nicht beweisen. Aber, falls ich es dazusagen muss: Ich stehe nicht auf der Gehaltsliste eines Oligarchen.

ZEIT ONLINE: Sie wurden persönlich von Kolomojskyj angegriffen, weil sie für ein Gesetz geworben haben, das den Einfluss seiner Privat Group über das Rohstoffgeschäft sehr begrenzt.

Leschtschenko: Ja, er rief mich oft an, der Oligarch bedrohte mich und schickte mir brutale Kurznachrichten aufs Handy. Auch sein Stellvertreter drohte mir. Eigentlich ist das unvorstellbar, aber es ist geschehen.

ZEIT ONLINE: Stehen Sie nun unter Polizeischutz?

Leschtschenko: Als ich als Journalist arbeitete, bekam ich auch oft Drohungen. Aber weder damals noch jetzt als Politiker lebe ich unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen.

ZEIT ONLINE: Kolomojskyj ist vielleicht der mächtigste, aber nicht der einzige Oligarch in der Ukraine. Leben Sie in einer Demokratie oder in einem System, das einer Oligarchie ähnelt?

Leschtschenko: Wir leben immer noch in einem Oligarchen-System. Neben Kolomojskyj gibt es noch Rinat Achmetow, der Einfluss in den Medien und im Parlament auf Abgeordnete des Oppositionsblocks haben soll. Der nächste wichtige Milliardär heißt Dmytro Firtasch, der ebenso wichtige TV-Sender kontrolliert, allerdings gerade in Wien darauf wartet, ob er auf Verlangen des FBI in die USA ausgeliefert wird oder nicht.

ZEIT ONLINE: Am vergangenen Mittwoch hat Poroschenko Kolomojskyj von seinem Gouverneursjob entmachtet. Was passiert nun mit Kolomojskyjs Armee?