Wir haben viel zusammen erreicht. Vielen Dank. Und: Tschüss. So klingt es in einem Video, das die ukrainische Präsidialverwaltung an diesem Mittwoch veröffentlichte. Zu sehen ist auf der einen Seite Petro Poroschenko, der Präsident des Landes, der den Dank ausspricht. Und auf der anderen Seite Ihor Kolomojskyj, der brav zuhört, nickt und mit ansieht, wie seine Entlassung als Gouverneur unterschrieben wird – die Inszenierung eines einvernehmlichen bürokratischen Aktes. Doch so einfach ist es nicht.

Auch wenn es in der offiziellen Pressemitteilung des Präsidialamtes ebenfalls heißt, Kolomojskyj habe selbst um seine Entlassung gebeten, steckt hinter diesem Schritt mehr. Nach einem offen ausgetragenen Machtkampf zwischen dem Wirtschaftsmagnaten und dem Politiker hat der Präsident immerhin den mächtigsten Oligarchen geschasst.

Gerade einmal fünf Tage ist es her, dass Kolomojskyj der Regierung im Grunde den Krieg erklärt hat. Mehr als zwei Dutzend maskierte Männer in Tarnkleidung stürmten, wohl auf Kolomojskyjs Befehl, die Kiewer Zentrale von UkrTransNafta – der Firma, die sämtliche Ölpipelines des Landes kontrolliert –  und verbarrikadierten sich dort. Erst nach Stunden endete die Besetzung, weil Kolomojskyj persönlich in die ukrainische Hauptstadt gereist und in die Büros der Firma spaziert war, so als wäre das etwas Selbstverständliches. Journalisten, die ihn zu der ungewöhnlichen Aktion befragen wollten, beschimpfte er vor laufender Kamera mit Worten wie "Schlampe" und noch Drastischerem. Kurze Zeit später soll die von ihm kontrollierte Privat Bank vorübergehend sogar ein Konto des ukrainischen Präsidenten gesperrt haben.

Milliardär mit eigener Privatarmee

Die Firmen-Besetzung und die Kontosperrung waren Machtdemonstrationen und die beiden letzten verzweifelten Versuche Kolomojskyjs, der drohenden Demontage etwas entgegenzustellen. Denn der Oligarch hat eine Menge zu verlieren, nicht nur das Amt des Gouverneurs.

Mit der Privat Bank kontrolliert er das größte Geldinstitut der Ukraine, mit einem Privatvermögen von 1,8 Milliarden Dollar zählt er zu den reichsten Männern des Landes, und seit der Revolution vor gut einem Jahr ist er zudem inoffizieller Oberbefehlshaber über mehrere Tausend Soldaten. Das von ihm mit Millionen-Dollar-Beträgen monatlich finanzierte Bataillon Dnipro gilt als wichtige Stütze der ukrainischen Armee im Kampf gegen die Separatisten im Osten des Landes.

Den Titel "mächtigster Oligarch des Landes" trägt der 52-Jährige aber vor allem, weil die anderen starken Geschäftsmänner des Landes entweder durch den Krieg an Einfluss verloren haben (Rinat Achmetow im Donezker Gebiet), oder von der ausländischen Justiz verfolgt werden (Dmytro Firtasch), und weil er seit vielen Jahren das Geschäft mit dem Öl in der Ukraine kontrolliert. Die Gas- und Öl-Firmen UkrTransNafta und UkrNafta sind staatliche Unternehmen, tatsächlich aber bestimmte Kolomojskyj über seine Privat Group, was dort passiert oder auch nicht passiert, Stichwort: Korruptionsbekämpfung.

"Anti-Kolomojskyj-Gesetz"

Durch seinen 42-prozentigen Anteil an der Firma UkrNafta etwa konnte Kolomojskyj bisher so gut wie jede Personalentscheidung beim Öl- und Gasförderer blockieren, zum Beispiel indem von ihm eingesetzte Geschäftsleute zu Versammlungen einfach nicht erschienen. Der Staat hält 50 Prozent plus einen Anteil, und Eigentümerversammlungen für Staatsunternehmen waren laut Gesetz in der Ukraine nur beschlussfähig, wenn 60 Prozent der Eigentümer anwesend waren. So war es bis zum vergangenen Mittwoch. Seitdem gilt ein neues Gesetz, das viele Ukrainer als Anti-Kolomojskyj-Gesetz bezeichnen.

Das Parlament reduzierte die Anwesenheitsquote für die Beschlussfähigkeit eines Staatsunternehmens auf 51 Prozent. Dadurch hat Kolomojskyjs Privat Group die Kontrolle über das Rohstoffgeschäft so gut wie verloren.

Nach den Entwicklungen der vergangenen Tage werde Kolomojskyj nun "überhaupt nicht" glücklich sein, sagt der ukrainische Parlamentsabgeordnete Sergej Leschtschenko, der das Gesetz unterstützt hat. Er hält es aber für möglich, dass der Oligarch nach dem Rücktritt vom Gouverneursposten den Konflikt mit der Regierung erst einmal ruhen lässt.  

Womöglich ist es aus Sicht Kolomojskyjs jetzt besser, abzuwarten. In ein paar Jahren wird es Lokalwahlen im Süden der Ukraine geben. Wenn er seine Beliebtheit in der dortigen Bevölkerung bis dahin bewahren kann, könnte er auf die politische Bühne zurückkehren. In der Zwischenzeit wird er sicher jede Gelegenheit nutzen, seine Geschäftsinteressen zu sichern.