Eine These hat gerade Konjunktur, die man wieder einmal unter dem westlichen Hang zur Selbstbezichtigung verbuchen könnte. Aber womöglich wäre das vorschnell. Nennen wir sie die Gabriele-Krone-Schmalz-These.  

Nach der Gabriele-Krone-Schmalz-These hätte Europa den Konflikt um die Ukraine kommen sehen können, wäre es nicht so schrecklich naiv gewesen. In ihrem Buch Russland verstehen sagt die ehemalige ARD-Moskau-Korrespondentin Krone-Schmalz sinngemäß, jeder Stratege hätte wissen müssen, dass es die Ukraine "zerreißen" würde, wenn man sie vor die geopolitische Wahl zwischen Europa und Russland stellt.

Sehen wir einmal davon ab, dass man lange darüber streiten kann, ob die EU die Ukraine bei den Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen tatsächlich vor ein solches "Entweder-oder" gestellt hat, sondern nehmen an, Gabriele Krone-Schmalz hätte recht. Was würde daraus folgen?

Angenommen also, die Geschichte wäre so gelaufen: Schon im Jahr 2013 hat Wladimir Putin bei EU-Kommissionspräsident Barroso angerufen und ein für allemal klargestellt, was dieser Brüsselaner sich längst hätten denken können: Dass Russland es niemals hinnehmen wird, wenn sich die Ukraine der EU oder gar der Nato annähert. Vor allem, dass die Übereinkunft mit der Ukraine über den russischen Marinehafen auf der Krim nur solange gelten kann, wie der Status der Ukraine neutral bleibt. Und dass er, Putin, ganz sicher ethnischen Russen in der Ostukraine zur Hilfe eilen wird, sollte in Kiew, womöglich durch eine neue "Orange Revolution", eine einseitig westlich ausgerichtete Mehrheit an die Macht kommen.

Was hätte die EU darauf antworten sollen? Ach so, ja dann... Lassen wir das alles mal lieber, auch wenn die ukrainische Regierung uns seit Jahren um Annäherung bittet?

Natürlich ist es richtig und wichtig, einen harten, realpolitischen Herrschaftsstil auch dann als Realität anzuerkennen, wenn man ihn selbst für eine Umgangsform der Vergangenheit hält. Insofern muss sich die EU gegenüber Russland sicher den Vorwurf der Naivität gefallen lassen. Nur, bedeutet Naivität automatisch, moralisch falsch zu liegen? Wohl kaum. Ansonsten sagt man künftig bitte allen Helfern, die dem Opfer einer Schlägerei zu Hilfe gekommen sind, obwohl ihnen selbst Prügel drohte, dass sie falsch und unverantwortlich gehandelt haben.

Darf man Prinzipien wie freie Wahlen aufgeben?

Die Frage ist doch nicht, ob man Russland verstehen sollte oder nicht. Die Frage ist, ob aus diesem Verständnis die Selbstaufgabe wichtiger Prinzipien folgen darf, wie etwa das Selbstbestimmungsrecht der Völker und die freie Wahl des Bündnisses.

Die EU hätte sich kaum einer Lösung verschlossen, ihr Assoziierungsabkommen mit der Eurasischen Wirtschaftsunion unter Führung Russlands kompatibel zu machen, hätte Moskau sich kooperativ gezeigt. Und die Nato hätte die Ukraine mit Sicherheit nicht von heute auf morgen als Mitglied aufgenommen – womöglich hätte man in Ruhe über ein finnisches Modell reden können. Kompromisse auf Grundlage legitimer Interessen gehen immer. Was aber auf keinen Fall geht, ist, wie der Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Stefan Meister, treffend formuliert, "mit einem autoritären Regime die Zukunft Europas auszuhandeln".

Die Gabriele-Krone-Schmalz-These ist also tatsächlich keiner westlichen Selbstbezichtigung geschuldet. Sie entspringt eher einem moralischen blinden Fleck. Wo der zu liegen scheint, offenbart eine denkwürdige Stelle in dem Buch der ehemaligen ARD-Moskau-Korrespondentin. "Wo bleibt die Dankbarkeit gegenüber Moskau für die deutsche Vereinigung?", fragt sie dort.

Darauf gibt es zwei Antworten: Gegenüber Gorbatschow waren die Deutschen ungeheuer dankbar. Aber pauschal-historische Dankbarkeit gegenüber "Moskau" für die Wiedervereinigung wäre ungefähr so absurd wie der Dank an einen Geiselnehmer dafür, dass er einen Verwandten freigelassen hat.

Es gibt viel Beachtenswertes in dem Buch von Krone-Schmalz. Wäre da bloß nicht dieser Pflock im Auge der Betrachterin, diese befremdliche Äquidistanz zwischen einem Russland, das an Zwang glaubte und glaubt und einer EU, die auf freie Wahl setzt.