Eine ungekürzte, türkische Version des Interviews finden Sie hier

ZEIT ONLINE: Herr Mahçupyan, Sie sind Chefberater des türkischen Premierministers und Armenier – würden Sie sagen, es gab 1915 einen Genozid an den Armeniern oder nicht?

Etyen Mahçupyan: Dieses Ereignis ist nicht 1915 zu Ende gegangen. Seine Spuren findet man noch lange danach in der politischen Führung der Türkei. Es war eine Politik der kulturellen Vernichtung, der Verdrängung und Vertreibung. Eine Politik, die zu Entmenschlichung und Kulturlosigkeit führte. Das hat sich erst vor Kurzem geändert.

Was den Begriff Genozid angeht, gibt es eine von den Vereinten Nationen festgelegte, wenn auch recht lasche Definition. Es muss nicht jemand sterben, damit ein Vorfall als Genozid gilt. Es reicht zum Beispiel schon, wenn Kinder ihren Müttern entrissen werden. Diese Definition ist sehr weit gefasst. Sie erfordert, dass wir etliche Ereignisse auf der Welt als Genozid anerkennen müssten. 1915 ist eines dieser Ereignisse. Wenn ich das, was 1915 geschah, mit der UN-Definition vergleiche, wird deutlich, dass man von einem Genozid sprechen muss. Aber letztlich ist das eine Definition. Die Welt, vor allem aber die Menschen in der Türkei, müssen verstehen, was damals passiert ist. Das ist wichtiger als die Frage, welchen Namen man dem geben will.

ZEIT ONLINE: Es fällt den Türken sehr schwer, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, richtig?

Mahçupyan: Das ist sehr schwer, weil die Menschen in der Türkei dahinter kommen, dass sie im Geschichtsunterricht belogen worden sind. Das verletzt ihren Stolz und löst einen Selbstschutzreflex aus.  

ZEIT ONLINE: Und auch viel Nationalismus ...

Mahçupyan: Richtig. Doch wer sich dafür interessiert, kann sich schnell informieren. In der Türkei gibt es unzählige Bücher zu diesem Thema. Der Meinungsfreiheit sind in der Genozid-Debatte keine Grenzen gesetzt: Ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, kann man den Begriff "Genozid" verwenden. Aber wie viele interessieren sich schon dafür? Es geht langsam voran, es braucht dafür noch eine Generation.

ZEIT ONLINE: Als die türkische Republik gegründet wurde, wurde alles abgelehnt, was von den Osmanen zurückgeblieben war: ihre Sprache, ihr Geld, ihr politisches System. Warum wird dieses Verbrechen nicht auch abgelehnt? Das ist doch das Verschulden eines Systems, das vergangen und untergegangen ist.

Mahçupyan: Weil es doch eine nahtlose Kontinuität zur türkischen Republik gab. Die Kader des "Komitees für Einheit und Fortschritt"...

ZEIT ONLINE: ...die treibende politische Kraft hinter dem Völkermord...

Mahçupyan: ...sind überwiegend im republikanischen System untergekommen. Ihre Ideologie und Mentalität, die türkisch nationalistisch ist, hat sich vor allem in der Bürokratie festgesetzt und bestimmt dort die Haltungen meiner Meinung nach noch bis heute. Sie ist von außen nicht leicht zu durchbrechen. Seit die AKP an der Regierung ist, herrscht hier mehr Toleranz. Wer Armenier in der eigenen Familie hat, kann das heute problemlos äußern. Das ist etwas ganz Neues. Es gab politische Vorstöße wie die Beileidsbekundung am 24. April vergangenen Jahres von Recep Tayyip Erdoğan oder die Botschaften von Premier Ahmet Davutoğlu zum Todestag des ermordeten Journalisten Hrant Dink.  

ZEIT ONLINE: Vor einigen Tagen hat auch der Papst von einem "Völkermord" gesprochen – und harte Kritik von Erdoğan und Davutoğlu bekommen. Nun sprechen Sie als enger Berater auch von "Völkermord" – wie passt das alles zusammen?

Mahçupyan: Viele benutzen diesen Ausdruck in der Türkei, und weder Staatspräsident noch Premier beschweren sich. Das wichtige beim Papst ist nun mal – dass er der Papst ist und die Tatsache, dass er von Völkermord spricht, Wirkung auf die Politik hat. Was nun meine Position angeht: Wenn Politiker nur Berater einstellen, die ihrer Meinung sind – was gibt es dann noch zu beraten? Aber vielleicht würde ich auch anders sprechen, wenn ich die Verantwortung eines Premiers tragen würde.

ZEIT ONLINE: Einen Tag, nachdem Sie kürzlich in türkischen Medien von "Völkermord" sprachen, hieß es plötzlich: Chefberater Mahçupyan ist zurückgetreten. Zufall?