Das Flüchtlingsdrama, das sich derzeit im Mittelmeer abspielt, krampft einem das Herz zusammen. In den vergangenen zehn Tagen haben 1.100 Menschen, von gewissenlosen Schleppern in kaum seetüchtige Boote gepfercht, zwischen Libyen und Italien ein nasses Grab gefunden. Das sind, um den Rechenansatz eines Twitterers aufzugreifen, 7 volle Germanwings-Maschinen, 34 Costa Concordias und eine Dreiviertel Titanic.

Und es werden noch mehr werden. Eine Million Schwarzafrikaner sind nach einem Bericht der FAZ bereit, das Risiko einer Überfahrt einzugehen. Der Trend beunruhigt: Im Jahre 2013 kamen 866 Flüchtlinge auf See um, 2014 waren es 3.279, die Dunkelziffer nicht mitgerechnet. Allein in der vergangenen Woche hat Italiens Küstenwache 11.000 schiffbrüchige Flüchtlinge gerettet, 20.000 seit Anfang des Jahres. Was aber tut die Politik?

Es fehlt nicht an Aufforderungen zum Handeln. Papst Franziskus drängt auf ein umfassenderes europäisches und internationales Engagement. Der Flüchtlingshochkommissar der Vereinten Nationen, António Guterres, fordert die Europäer auf, die im Oktober 2014 ausgelaufene Rettungsoperation Mare Nostrum wieder aufzunehmen und die Kapazitäten für Such- und Rettungsunternehmen auszubauen. Der italienische Präsident Mattarella, dessen Landsleute sich alleingelassen fühlen, klagt: "Wir laufen Gefahr, unsere Menschlichkeit zu verlieren." Und auch unseren Politikern, nicht nur Linken und Grünen, schwant allmählich, dass es mit bloßen Worten nicht getan sein kann.

Eine perfekte Lösung gibt es nicht. Das rechtfertigt jedoch nicht, einfach die Hände in den Schoß zu legen. Der Ruf: "Das Boot ist voll!" reicht nicht aus, wenn die Boote leer sind, weil die Insassen ertranken. Was also tun?

Erstens: Am dringlichsten ist die unverzügliche Wiederaufnahme der italienischen Operation Mare Nostrum – mit voller finanzieller und materieller Unterstützung der übrigen EU-Mitglieder. Dabei sollte das Nachfolge-Unternehmen in den gesamten Seeraum zwischen Libyen und Sizilien einbezogen werden. Überdies wäre ernsthaft der Vorschlag zu erwägen, den der frühere Marineinspekteur Lutz Feldt gemacht hat: im Mittelmeer ein gemeinsames Unternehmen der EU-Marinen zu starten; ähnlich der Atalanta-Mission zur Bekämpfung somalischer Piraten, diesmal mit dem Auftrag, Schiffbrüchige im Mittelmeer zu retten.

Zweitens: Es muss endlich Ernst gemacht werden mit einer fairen Verteilung der Flüchtlinge auf die EU-Mitgliedstaaten, der Vereinheitlichung der Asylkriterien und des zu gewährenden Schutzniveaus.

Drittens: Nicht nur Amnesty International Italia schlägt vor, in Nordafrika Zentren einzurichten, von wo aus Asylanträge gestellt werden können – eine alte Idee des ehemaligen Bundesinnenministers Schily. Das hieße freilich, Lager zu bauen und zu bewachen, in denen die Asylbegehrenden Unterkunft, Beratung und Schutz finden, bis ihre Asylanträge entschieden werden. Dies darf allerdings nicht Jahre dauern, daher muss die Bearbeitung drastisch beschleunigt werden. Den Antragstellern würde es immerhin die potenzielle tödliche Überfahrt ersparen. Werden ihre Anträge bewilligt, könnten sie im regulären Fährverkehr nach Europa reisen und wären nicht mehr auf gewissenlose Menschenschmuggler angewiesen.

Viertens: Der libysche Diktator Gaddafi hat uns die Flüchtlinge früher vom Hals gehalten. Das macht ihn nicht sympathischer. Doch wird es nicht möglich sein, eine faire, menschenfreundliche und die kriminellen Schlepper ausschließende Lösung zu finden, solange Libyen immer weiter in der Anarchie versinkt. Ich bin sonst a priori gegen militärische Interventionen; sie haben in der arabischen Welt schon zu viel Unheil angerichtet. Doch ohne eine robust gestaltende Einflussnahme der EU werden die unumgänglichen Voraussetzungen für eine Eindämmung und Handhabbarmachung des Flüchtlingsproblems schwerlich zu schaffen sein. Ohne militärische Kontrolle über die libysche Mittelmeerküste mag das nicht abgehen.

Der Gedanke erschreckt. Und er mag alle empören, die glauben, dass schöne Worte und mehr Rettungsboote allein verhindern können, dass das Mittelmeer zum nassen Grab unserer Menschlichkeit wird.

Denken wir in aller Ruhe darüber nach. Prüfen und erwägen wir die Umstände, die Möglichkeiten, die Erfolgsaussichten. Aber bleiben wir bei alledem realistisch. Europa kann nicht Millionen aufnehmen. Wer das Tor so weit öffnen wollte, triebe den Rechtsextremen und den Populisten die Wähler zu. Es ist eine traurige Wahrheit: Die Demokratie setzt der Humanität Grenzen. Unbegrenzte Aufnahmebereitschaft würde, wie die Menschen nun einmal sind, die Mehrheit der Gemäßigten gefährden. Die Tür ganz zuzuschlagen, würde hingegen unseren Humanitätsanspruch als reine Heuchelei enthüllen. Versuchen wir denn, den Spalt so weit zu öffnen, dass weder Menschen vor unseren rettenden Gestaden ertrinken noch unsere Demokratie in die Hände der Le Pens, Farages, Wilders' und deren Spießgenossen fällt.