Fast bescheiden kam er daher, der große Paukenschlag. Ganz ohne große Bühne, ganz ohne jubelnde Menge. In einer Videobotschaft auf YouTube kündigte Hillary Clinton nun an, was ohnehin schon alle wussten: Die 67-Jährige will zum zweiten Mal um den Einzug ins Weiße Haus kämpfen. Die Kandidatin selbst taucht in dem Video erst nach eineinhalb Minuten auf, im Mittelpunkt stehen Durchschnittsamerikaner, alleinerziehende Mütter, ein junges schwules Paar, Kleinunternehmer. Die Botschaft ist klar: Es geht nicht um sie, es geht um alle. Hillary Clinton übt sich in neuer Bescheidenheit.

Dabei wirft kein Kandidat mehr politisches Gewicht in die Waagschale. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Clinton im Polit-Geschäft Washingtons, zunächst als First Lady, später als Senatorin und Außenministerin. Sie kennt die Hinterzimmer des Weißen Hauses, die Gänge im Kongress. Als ihr Mann im Oval Office saß, war die damalige First Lady maßgeblich an der Planung des Staatshaushalts beteiligt und sicherte fast im Alleingang die Unterstützung für die Reform der Sozialhilfe auf beiden Seiten. In den Jahren als Außenministerin flog Clinton fast eine Million Meilen und besuchte 112 Länder. Es könne kaum eine außenpolitische Krise auf sie zukommen, schrieb angesichts dieser Bilanz der Economist, in der Clinton nicht schon mit allen beteiligten Parteien Tee getrunken habe.

Für viele gilt eine Präsidentin Clinton deshalb schon jetzt als unausweichlich. Umfragen bescheinigen ihr einen zweistelligen Vorsprung, ganz gleich, wer ihr Gegenkandidat bei den Republikanern werden sollte. Manch ein Wettbüro rechnet ihr eine Chance von mehr als 90 Prozent aus. In der anstehenden Kampagne dürfte sie zwischen 1,5 und zwei Milliarden Dollar an Spendengeldern sammeln. Ihr Bekanntheitsgrad, schrieb das Wall Street Journal, gebe ihr im Wahlkampf fast die Aura eines Amtsinhabers. Dass sie im eigenen Lager einen Gegenkandidat bekommen könnte, gilt als ausgeschlossen. Doch genau das macht viele Unterstützer nervös. Denn es werden Erinnerungen wach an 2008, als Clinton der Sieg ebenfalls schon vorschnell bescheinigt wurde – nur um dann von einem bis dahin auf nationaler Bühne weitgehend unbekannten Senator aus Chicago überholt zu werden.

Musste sie damals noch ihre harte Seite zeigen, wird es jetzt ums Gegenteil gehen. 2008 schien sie unnahbar, war stets umgeben von einem ganzen Tross an Mitarbeitern, Geheimdienstangestellten und Bodyguards. Jetzt will sie sich als Kandidatin der Mittelschicht profilieren, die ersten Wahlkampfauftritte werden ohne großes Kameraaufgebot und vor kleinem Publikum stattfinden, in der Hoffnung, den Wählern damit näherzukommen. Clinton wird sich Zeit nehmen für Besuche in lokalen Cafés und den Wohnzimmern der Basis. Es geht vor allem um die Imagepflege. Sie wird sich sich als warmherzige frischgebackene Großmutter der Nation inszenieren. Aber ihre Berater wissen, dass Clinton nicht das Charisma ihres Mannes hat, um die Massen zu begeistern. Sie ist eine Arbeiterin hinter den Kulissen, mehr im Stile einer Angela Merkel als eines Barack Obama oder Bill Clinton. Sie ist, so glauben viele, die Pragmatistin, die das nötige Werkzeug besitzt, um Washington wieder arbeitsfähig zu machen.

In den Neunzigern, mitten im Lewinsky-Skandal, als die First Lady zu ihrem Mann stand, sammelte sie Sympathiepunkte bei den Amerikanern. Doch die Jahre als Außenministerin, die laufenden Ermittlungen um den Terroranschlag auf eine Botschaft in Libyen 2012, die scheinbar fehlende Fähigkeit zur Selbstkritik bei Patzern wie der Verwendung ihres persönlichen E-Mail-Kontos für offizielle Kommunikation oder das Geschmäckle zweifelhafter Spenden von arabischen Autokraten für die Clinton Foundation haben Hillary Clinton politisch zugesetzt und ihr das Image der wenig vertrauenswürdigen Politikerin gegeben. Die  Republikaner werden versuchen, dieses Bild mithilfe von teuren Kampagnen auszuschlachten und hoffen auf Schützenhilfe von Clinton selbst. 2014 erklärte sie auf ihrer Lesetour beiläufig, nach ihrem Auszug aus dem Weißen Haus trotz millionenschwerer Buchverträge und hoher Rednerhonorare "dead broke", also pleite, gewesen zu sein.

Clinton ist anfällig, auch weil ihr Profil für viele im Land selbst nach Jahren in der Öffentlichkeit noch immer unklar ist. Ihr früherer New Yorker Senatskollege Charles Schumer bezeichnete sie als die "undurchschaubarste Person, der Sie je begegnen werden". Kritiker von rechts versuchen sie, auf eine machthungrige Statistin zu reduzieren. Die Linke fürchtet, Clinton stehe der Wall Street zu nahe und habe sich vom Leben der einfachen Amerikaner schon vor langer Zeit entfremdet. Außenpolitisch gilt sie als härter als Obama, sie stimmte für einen Einzug amerikanischer Truppen in den Irak, war für eine Aufstockung des Militäreinsatzes in Afghanistan und drängte darauf, die Rebellen in Syrien mit Waffen zu unterstützen.

Ehemann Bill als wichtigster Unterstützer

In den kommenden Monaten wird sie die Unterstützung der Medien brauchen. Doch die Beziehung zur Presse ist angespannt, das zeigte sich auch am Sonntag, als die erwartete Videobotschaft sich um Stunden verzögerte und es auf Twitter gehässige Kommentare der Journalisten gab. Es sind nicht nur die üblichen konservativen Organe wie Fox News oder das Wall Street Journal, die die Kandidatin genau unter die Lupe nehmen werden. In den vergangenen Monaten waren es vor allem liberale Mainstream-Medien wie die New York Times und die Washington Post, die es Clinton schwer machten. Liberale TV-Größen wie Rachel Maddow und Chris Hayes, eigentlich sichere demokratische Sprachrohre und Gegengewichte zu Fox News, sehen in ihr nicht die Wunschkandidatin, sondern bringen lieber Namen wie Bernie Sanders oder Elizabeth Warren ins Gespräch. Die Senatorin aus Massachusetts und Darling des progressiven demokratischen Flügels hat sich mit ihrem unermüdlichen Kampf gegen den Wall-Street-Kapitalismus einen Namen gemacht, aber wiederholt erklärt, nicht ins Rennen gehen zu wollen. Als Geste der Versöhnung luden führende Clinton-Ratgeber ausgewählte Journalisten zum Abendessen in ihre Wohnungen.

Vor allem aber wird Clinton den Amerikanern zeigen müssen, dass sie das Amt nicht als Selbstverständlichkeit betrachtet, sondern sich die Stimmen erarbeiten will. Clinton sei so lange Richtung Weißes Haus gesteuert, gab das politische Magzin The Atlantic zu bedenken, dass man sich fast frage, ob sie es einfach automatisch tue. Keine andere Kampagne habe ein so wertvolles Gut wie die von Clinton. Gleichzeitig laufe keine andere so sehr Gefahr, sich selbst zu zerstören.

Ihr Mann soll helfen, das zu verhindern. Bis heute gehört Bill Clinton bei den Amerikanern zu den beliebtesten Präsidenten. Doch auch seine Auftritte sind eine Gratwanderung. Denn vielen im Land stellt sich die Frage, ob sie tatsächlich noch einmal einen Clinton im Weißen Haus haben wollen. Das Image des machthungrigen power couple hing Hillary und Bill in den vergangenen Jahren nach. Zudem fürchten die Amerikaner, eine weitere politische Dynastie könne dem politischen Gefüge schaden. Mit mehr als 300 Millionen Menschen im Land, so Gary Hart – in den Achtzigern einst selbst Anwärter auf das höchste Amt – mit Blick auf die Clintons und Bushs, "sollten wir uns nicht auf zwei Familien konzentrieren, die in der Lage sind, unser Land zu regieren".