© Nicole Sturz

Es ist soweit: Hillary Clinton, 67, Demokratin, Ex-First Lady, Ex-Senatorin, Ex-Außenministerin, macht sich zum zweiten Mal auf den Weg, um die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. Und vom Lateinamerika-Gipfel im fernen Panama lässt Barack Obama bereits verlauten, sie würde dieses Amt "exzellent" ausüben.

Eines steht so gut wie fest: Dieses Mal wird ihr die erste Etappe zum Weißen Haus, der Sieg über ihre demokratischen Mitbewerber, fast in den Schoß fallen. Die Demokraten werden sie ziemlich widerstandslos zu ihrer Präsidentschaftskandidatin küren.

Die zweite und entscheidende Etappe jedoch, den Sieg über den noch auszuwählenden republikanischen Widersacher, wird sie nicht im Galopp nehmen. Auf dem Weg ins Oval Office stehen viele schwere Hindernisse.

An Geld, dem so wichtigen Schmieröl amerikanischer Wahlkampagnen, wird es Clinton nicht mangeln. Sie hat viele extrem reiche Gönner, und sie wird wie einst Obama ebenso versuchen, Millionen von kleinen Spenden zu sammeln. Es heißt, bevor es überhaupt begonnen hat, Clinton könnte wohl bis zu zweieinhalb Milliarden Dollar in die Schlacht ums Weiße Haus werfen. Eine gigantische Summe.

Clinton muss Wählerkoalition bilden

Doch Dollar allein machen noch keinen Präsidenten. Wie Obama müsste es auch ihr gelingen, eine große Wählerkoalition aus jungen Menschen, aus Frauen, Schwarzen und Hispanics zu bilden. Denn ohne die schafft kein Demokrat eine Mehrheit, auch wenn Clinton, anders als der schwarze Präsident, nicht dieselben Probleme haben dürfte, mittelalte und alte weiße Männer für sich zu gewinnen.

Vor allem aber muss die Kandidatin die Amerikaner davon überzeugen, dass mit ihr nicht bloß eine Retro-Show der Clintons stattfindet. Sondern dass sie, die Altbekannte, tatsächlich zu einem politischen Neuanfang und zu neuen Ideen fähig ist. Kurzum: Hillary Clinton braucht eine Botschaft, die aufrütteln, begeistern und Energien entfalten kann. Das wird ihr größtes Problem.

Zwar ist die Tatsache, dass so gut wie jeder Amerikaner Hillary Clinton in- und auswendig kennt, dass sie sich den Wählern also nicht mehr vorstellen muss, durchaus ein Vorteil. Zumindest am Anfang. Auf Dauer aber könnte ihr diese fast bis zum Überdruss vorhandene Bekanntheit zum Nachteil gereichen. Denn sie lässt kaum Raum für Überraschungen und dafür, sich neu zu erfinden.

Wir erinnern uns: Vor acht Jahren, zu Beginn des Vorwahlkampfes 2007/2008, galt Hillary Clinton schon einmal als nahezu unbezwingbar. Auch damals war sie weitaus bekannter und politisch erfahrener als alle ihre Konkurrenten und hatte, zumindest am Anfang, weit mehr Geld in ihrer Kasse. Doch dann kam der jungenhafte schwarze Novize Barack Obama und ließ Clinton als altbacken, knöchern und als Ausgeburt des politischen Establishments aussehen. Der Rest ist Geschichte.

Demokratische Mitbewerber sind Drittligisten

Dieses Schicksal wird ihr dieses Mal in der ersten Runde nicht widerfahren. Weit und breit ist in der Demokratischen Partei kein zweiter Obama in Sicht. Jene Demokraten, die sich ebenfalls bewerben wollen, etwa der Ex-Gouverneur von Maryland, Martin O’Malley, oder der Ex-Senator von Virginia, Jim Webb, spielen in der dritten Liga. Und anders als noch vor sieben Jahren ist es heute nicht mehr von großem Gewicht, dass Clinton einst als Senatorin für den Irakkrieg stimmte.

Mit einiger Gewissheit also lässt sich voraussagen, dass Clinton die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten nicht nur sicher ist, sondern dass der Weg dorthin zum Spaziergang wird. Doch was geschieht, wenn sie irgendwann im nächsten Jahr das Zepter ihrer Partei in der Hand hält? Mit welchem Programm, mit welchen Ideen will sie bei der Wahl am 4. November 2016 die Mehrheit der Amerikaner für sich gewinnen?

Ein bisschen davon hat sie bereits davon erkennen lassen: Über 200 Politikberater hat Clinton in den vergangenen Monaten konsultiert und an einer Wirtschaftsagenda für Amerikas immer noch Not leidende Mittelklasse gefeilt. Vor allem will sie als Präsidentin jenen den Rücken stärken, die mit ihren Gehältern nicht mehr gegen die wachsenden Kosten ankommen, die nicht mehr die Zinsen für ihr Haus, die Beiträge für ihre Gesundheitsversorgung und die Ausbildung ihrer Kinder zahlen können. Weil sie zu wenig verdienen, weil sie alleinerziehend sind und so weiter.

Dazu passt auch ihr neues Nachwort zu ihren Memoiren. "Man sollte nicht die Enkelin eines Präsidenten oder einer Außenministerin sein müssen," schreibt Clinton da, "um eine exzellente Gesundheitsversorgung zu erhalten, eine Ausbildung, geistige Anregung und all jene Vorteile und Unterstützung, die später zu einem guten Job und einem erfolgreichen Leben verhelfen."

Mitfühlende Großmutter, Vorkämpferin für mehr Gerechtigkeit und Gleichberechtigung – wird und kann diese Botschaft zünden? Vor allem: Nehmen die Wähler sie Hillary Clinton ab? Schon vor sieben Jahren hatte sie ein Glaubwürdigkeitsproblem. Zu stark hatte sich über all die Jahre und vielen Affären der Eindruck verfestigt, als gehe es den Clintons vor allem um die Macht, als stünden sie über den Gesetzen und über den gewöhnlichen Leuten und hätten geradezu einen naturgegebenen Anspruch auf das Präsidentenamt.

Klug, engagiert, gewieft, beinhart

Diese Überheblichkeit schien auch in den vergangenen Monaten immer wieder durch. Mal erklärte die Multimillionärin Clinton einer verblüfften Öffentlichkeit, sie wisse nur zu genau, was es heiße, arm zu sein, schließlich sei ihre Familie nach dem Ausscheiden ihres Mannes aus dem Weißen Haus und all den Rechtsanwaltsrechnungen total bankrott gewesen. Mal tut sie so, als sei es das Normalste der Welt, dass sie als Außenministerin sämtliche E-Mails, also auch die dienstlichen, über ihren privaten E-Mail-Account und einen privaten Server abgewickelt hat.

Ohne Zweifel: Hillary Clinton hat hohe Verdienste. Sie ist klug und engagiert und ebenso gewieft und beinhart. Sie weiß um die Tücken des politischen Geschäfts, war in der Regierung und ebenso im Parlament. Überdies kennt sie sich wie kaum ein Zweiter in den Weltläufen aus. Anders als Obama könnte sie im Oval Office gleich anfangen und müsste nicht erst einmal mühsam die Geschäfte lernen.

Nach 44 Männern an der Spitze der Vereinigten Staaten wäre es auch höchste Zeit, dass endlich einmal eine Frau die Supermacht regiert. Wer, wenn nicht Clinton, sollte dies derzeit schaffen und die meist weit weniger begabten männlichen Konkurrenten aus dem Weg schlagen? Doch Können, Erfahrung und Geschlecht sind nicht genug. Die Wähler wollen angestachelt, gefesselt, motiviert und für die Zukunft begeistert werden. Ob ihre Kraft, ihre Empathie und ihre Phantasie dafür ausreichen? Allzu oft ist sich Hillary Clinton selber der größte Feind.