Theo Sommer, 85, war von 1972 bis 1992 Chefredakteur der ZEIT, danach ihr Herausgeber bis zum Jahr 2000. © Jakob Börner

Die Überschrift ist so kompliziert wie der fünfseitige Text: "Parameters for a Joint Comprehensive Plan of Action regarding the Islamic Republic of Iran’s  Nuclear Program". Kurz und bündig übersetzt: Eckpunkte für ein Abkommen über Irans Atomprogramm. Es ist nur ein Vorvertrag, den die fünf Vetomächte plus Deutschland da in einem achtzehnmonatigen Verhandlungsmarathon geschlossen haben. Die Eckpunkte sollen nun bis zum 30. Juni zu einem endgültigen Abkommen ausgebaut werden. Das wird nicht einfach sein. Aber diese Eckpunkte lassen die Hoffnung zu, dass es gelingen kann.

Sie sind umfassender und detaillierter als erwartet. Iran hat sich zu Zugeständnissen bereit erklärt, die noch vor wenigen Monaten kaum jemand für möglich gehalten hätte. Wenn sie in den kommenden drei Monaten festgeschrieben, danach in die Praxis umgesetzt und, intensiv überwacht, verlässlich eingehalten werden, darf die Welt aufatmen.

Iran wird die Zahl seiner Zentrifugen von heute 19.000 auf 6.104 reduzieren und verzichtet auf deren Modernisierung. Für mindestens 15 Jahre wird die Urananreicherung auf die Anlage in Natranz und der Anreicherungsgrad auf 3,67 Prozent beschränkt; in Fordo wird keine Anreicherung mehr betrieben. Der Bestand von 10.000 Kilogramm angereicherten Urans wird auf 300 Kilo vermindert; der Rest wird exportiert oder abgereichert. Die "breakout time" – der Zeitraum, innerhalb dessen Iran genug spaltbares Material für eine Atomwaffe herstellen kann –  wird von derzeit zwei bis drei Monaten für die nächsten zehn Jahre auf ein Jahr erhöht. Außerdem akzeptiert Teheran nun das Zusatzprotokoll zum Nichtverbreitungsvertrag, das der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien strengere Aufsicht und intensivere Inspektionen erlaubt als bisher. 

Die Iraner werden etwa sechs Monate brauchen, um die technischen Voraussetzungen für diese Maßnahmen zu schaffen. Dann wird die Gegenleistung der Vereinten Nationen, der Vereinigten Staaten und der EU fällig: die Aufhebung der Sanktionen. Dabei geht es in erster Linie um das Erdöl-Embargo und die Bankenblockade, die Iran von den Finanzmärkten der Welt abschneidet (nur die wegen Terrorismus, Menschenrechtsverletzungen und Raketen-Entwicklung verhängten US-Sanktionen bleiben vorerst in Kraft).

36 Jahre versöhnlicher Feindschaft

Präsident Obama hat die Vereinbarung von Lausanne ein "gutes Geschäft" genannt und ihr eine "historische Dimension" zugebilligt. Zu Recht. Den Skeptikern, Kritikern und Gegnern einer Verständigung mit Iran hielt er im Rosengarten des Weißen Hauses entgegen: "Glauben Sie wirklich, dass ein überprüfbares Abkommen, wenn es komplett umgesetzt wird und hinter dem die wichtigsten Mächte der Welt stehen, eine schlechtere Option ist als das Risiko eines weiteren Krieges in Mittelost?"

In seiner ersten Antrittsrede hatte Obama den Gegnern Amerikas zugerufen, er werde "die Hand ausstrecken, wenn Sie bereit sind, die geballte Faust zu öffnen." Bisher sind seine außenpolitischen Erfolge überschaubar geblieben. Im Verhältnis zu Russland wollte er einen "Neustart", stattdessen erlebte er ein Wiederaufflackern des Kalten Krieges. Er hatte sich vorgenommen, den Krieg im Irak zu beenden, jetzt sah er sich gezwungen, die US-Luftwaffe in einen Bombenkrieg gegen den "Islamischen Staat" (IS) zu schicken. Bis Ende dieses Jahres wollte er sich militärisch ganz aus Afghanistan herausgezogen haben, nun hat er den Abzugstermin um ein Jahr verschieben müssen. Auch hat der "pivot to Asia", Amerikas Achsendrehung zum Pazifik, China nicht dazu gebracht, seine auftrumpfend aggressive Expansionspolitik zu beenden.

Der Ausgleich mit Kuba nach einem halben Jahrhundert eisiger Konfrontation ist das einzige, was Obama bisher vorweisen kann. Wenn es ihm allerdings gelänge, aus dem Rahmenabkommen von Lausanne einen wasserdichten Vertrag zu machen, so wäre das nach 36 Jahren unversöhnlicher Feindschaft ein historischer Durchbruch, der wenigstens nachträglich die unziemlich frühe Verleihung des Friedensnobelpreises rechtfertigen würde.

Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter

Die Republikaner werden es dem Präsidenten nicht leicht machen; und selbst im Lager der Demokraten trifft er auf viele Bedenken und Vorbehalte. Doch gibt es auch in Teheran Scharfmacher, dort, wo sich die Militärs und vor allem die Revolutionsgarde ungern in ihre atomaren Karten blicken lassen.

Und dann ist da Netanjahu, der steif und fest behauptet, das Abkommen "erlaubt einem Land Kernwaffen zu entwickeln, das uns zu vernichten schwört". Es bedrohe das Überleben Israels.  Damit stellt er sowohl die Fakten als auch die Logik auf den Kopf. Wenn das endgültige Abkommen funktioniert, wird genau dies nicht geschehen. Sollte es jedoch nicht funktionieren, würde Israels Abschreckungsarsenal von 80 Atomsprengköpfen ausreichen, die Iraner von einem Angriff abzuhalten. Sie wüssten: Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter. Den nationalen Selbstmord werden indes selbst die bigottesten Ayatollahs dem ältesten geschichtlichen Staatsvolk der Region nicht zumuten wollen.

Weitere Sanktionen werden Teheran nicht in die Knie zwingen. Auch wird ein Nuklearabkommen Irans traditionelle Regionalpolitik nicht abrupt beenden – weder die Unterstützung schiitischer Gruppierungen vom Irak über Syrien und den Libanon bis hin zum Jemen, noch die Hegemonialrivalität mit Saudi-Arabien. Doch nach dem Grundsatz "Wandel durch Annäherung" könnte ein solches Abkommen die Chance einer neuen innenpolitischen Dynamik eröffnen, die nicht zwangsläufig in den Sturz des Regimes mündet, wohl aber dessen Verhalten zum Verträglichen hin verändert.

Kein Nuklearabkommen – das hieße, dass die Scharfmacher im Iran die Entwicklung von Atomwaffen ungehemmt vorantreiben könnten. Dann wäre zu erwarten, dass Israel ohne oder mit Amerika einen Vernichtungsangriff unternimmt, wie ihn John R. Bolton, George W. Bushs böser diplomatischer Geist,  eben in einem Artikel der York New Times empfahl: "Bomb Iran to stop the bomb!" Die Konsequenzen mag man sich ungern vorstellen: Sperrung der Straße von Hormus, aus Teheran gesteuerte Unruhen in Israels Nachbarländern, verschärfte Unterstützung schiitischer Rebellen in den Golfstaaten. Und drei oder vier Jahre später hätte Iran die Bombe doch, dann erst recht.

Ich halte es da lieber mit Roger Cohen. In derselben Ausgabe der New York Times wie Bolton schrieb er: "Im nächsten Jahrzehnt wird die Islamische Republik wohl einen Führungswechsel erleben. Die Gesellschaft ist voller hoffnungsvoller Bestrebungen und blickt nach Westen... Was dies an Wandel hervorbringt, ist unvorhersehbar, doch die Chance positiver Entwicklungen wird vergrößert durch Kontakte und vermindert durch strafende Abwendung von Teheran."

Barack Obama hat jüngst einmal John F. Kennedy zitiert: "Lasst uns nie aus Angst verhandeln, aber lasst uns auch nie Angst vor Verhandlungen haben." Für die bevorstehen Nukleargespräche sollten wir  dem Präsidenten sämtliche Daumen drücken.