Als Barack Obama am Donnerstag vergangener Woche von einer "historischen Übereinkunft" mit dem Iran sprach, ging es ihm nicht nur um die erstaunlich weitreichenden und detaillierten Eckpunkte, die das Ergebnis der Verhandlungen in Lausanne waren. Mit der dort erzielten politischen Rahmenvereinbarung ist der Abschluss eines endgültigen Abkommens zur Beschränkung des iranischen Atomprogramms Ende Juni sehr viel wahrscheinlicher geworden. Und damit ist ein großer Schritt zur Rüstungskontrolle in der Region und darüber hinaus getan.

Aber um Rüstungskontrolle, so elementar wichtig diese ist, ging es in Lausanne nicht allein. Schon gar nicht den Amerikanern, die unter den sechs mit dem Iran verhandelnden Mächten – neben den USA auch China, Russland, Frankreich, Großbritannien und Deutschland – die führende Rolle spielten. Obama war schon bei seinem Amtsantritt im Januar 2009 auf das Regime in Teheran zugegangen; ein Neuanfang zwischen Amerika und seinen Gegnern sei möglich, wenn diese bereit seien, "die geballte Faust zu öffnen".

Aber die Offerte des US-Präsidenten verhallte unerwidert. Obama hatte es damals mit dem Antisemiten und Holocaustleugner Mahmud Ahmadinedschad zu tun. Und der setzte seine Tiraden gegen den Westen und vor allem gegen Israel unbeirrt fort. Aber auch Irans geistliches Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei zeigte kein Interesse am Gespräch mit dem Amerikaner.

Zweierlei hat sich seither geändert. Das eine sind die von der EU, den USA und vom UN-Sicherheitsrat verhängten Sanktionen, die der iranischen Wirtschaft seit 2012 schwer geschadet haben. Das zweite ist der Wechsel in Teherans Präsidentenamt vom Scharfmacher Ahmadinedschad zu dem gemäßigten Geistlichen Hassan Ruhani im Jahr 2013.

Ruhani, so scheint es, ist entschlossen, die noch immer ausgestreckte Hand Obamas nun endlich zu ergreifen. Nicht nur, weil er das Los seiner von Wirtschaftsmisere und Arbeitslosigkeit geplagten Landsleute bessern will, sondern auch, weil er sein Land 36 Jahre nach der islamischen Revolution aus der Isolation führen möchte. "Nun beginnt die Ära des Respektes und der Zusammenarbeit mit der Welt" – so begrüßte Ruhani am Donnerstagabend die in Lausanne erzielte Vereinbarung.

Und damit sprach er den Iranern aus den Herzen, die mit Autokorsos und lautem Jubel die Nachrichten aus der Schweiz feierten. Es gibt mit Ausnahme Israels kein Land im Mittleren Osten, dessen Einwohner dem Westen und besonders den Vereinigten Staaten freundlicher gesonnen sind als der Iran.

Zwei alte außenpolitische Hinterlassenschaften möchte Obama bereinigen: Er will die Beziehungen zu Kuba normalisieren und die Feindschaft zwischen Washington und Teheran überwinden. Gelänge ihm dies, würde dieser Präsident, dem seine Kritiker Schwäche und Mutlosigkeit vorwerfen, doch noch zwei nicht unbedeutende Fußnoten in der Geschichte der amerikanischen Außenpolitik schreiben.

Im Gespräch mit Thomas Friedman von der New York Times griff der US-Präsident dessen Wort von einer "Obama-Doktrin" auf. Er sei bereit, Länder wie Kuba und den Iran "einzubinden", werde aber zugleich an Amerikas militärischen Fähigkeiten festhalten. "Die Wahrheit ist: Irans Verteidigungsbudget beträgt 30 Milliarden, unseres liegt eher bei 600 Milliarden." Deshalb könne man die Bereitschaft zum Ausgleich "testen", ohne Amerikas Sicherheit zu gefährden. Eine Gelegenheit wie jetzt, die nukleare Bedrohung durch den Iran zu beenden, biete sich jedenfalls "nur einmal im Leben".

Die Widerstände jedoch, auf die Obamas Mittelostpolitik trifft, sind groß. Da ist zum einen das Regime in Teheran selbst, das auch unter dem moderaten Ruhani die Rechte seiner Bürger mit Füßen tritt. Das außerhalb seiner Grenzen den Terror fördert und seine Interessen in der Region mit aggressiver Härte wahrnimmt. Israel fühlt sich vom Iran bedroht. Aber auch Saudi-Arabien tut alles, um einen wachsenden Einfluss Teherans zu verhindern; der Konflikt im Jemen wird immer mehr zu einem Stellvertreterkrieg zwischen der sunnitischen Vormacht und dem schiitischen Iran.

Obama legt sich bei seinem Werben um Teheran also mit den beiden wichtigsten Verbündeten Amerikas in der Region zugleich an. Er tut dies, weil derzeit für ihn der Kampf gegen die Barbarei des "Islamischen Staats" Priorität hat; in diesem Kampf steht der Iran objektiv auf der Seite des Westens. Und er tut es, weil er das Potenzial dieses 80-Millionen-Volkes sieht. "Wer weiß? Der Iran könnte sich ändern. Falls nicht, an unseren Abschreckungsmöglichkeiten, an unserer militärischen Überlegenheit ändert sich nichts."

Dem Iran dabei zu helfen, seine selbst gewählte Rolle als Pariah der Weltpolitik zu überwinden, ist genauso vernünftig wie Richard Nixons Versuch, China nach den Wirren der Kulturrevolution dabei zu unterstützen, sich wieder der Welt zu öffnen. Auch Nixons Politik war voller Risiken, und das Regime Mao Zedongs war um keinen Deut appetitlicher als jenes des Ajatollah Chamenei.

Dabei wäre es naiv und verantwortungslos, im Umgang mit Teheran auf Vertrauen zu setzen. Die Vereinbarung von Lausanne ist deshalb so überzeugend, weil sie jedes Zugeständnis bei der Aufhebung der Sanktionen an strenge Kontrollen bindet. Verstößt der Iran gegen die ihm auferlegten Pflichten, sollen die Sanktionen automatisch wieder in Kraft treten – immer vorausgesetzt, Ende Juni gibt es überhaupt ein endgültiges Abkommen.

Der Versuch, mit dem Iran wieder zu normalen Beziehungen zu kommen, kann sehr wohl scheitern. Der von den Republikanern beherrschte Kongress in Washington wird alles dafür tun. Umso mehr verdient Barack Obama dafür Respekt, im Mittleren Osten einen Neuanfang zu wagen.