Wieder ein zermürbender Verhandlungsmarathon mit Verlängerung von zwei Nächten und zwei Tagen, wieder einander ständig widersprechende Signale, wieder Außenminister, die abreisen und zurückkehren, dann wieder abreisen: Spektakulärer und schwieriger als die Gespräche über das iranische Atomprogramm sind seit Jahrzehnten keine internationalen Verhandlungen mehr verlaufen.

Nun endlich, mit zwei Tagen Verspätung, gab es den Durchbruch. Die entscheidenden Knackpunkte konnten am Ende gelöst werden. Der Iran willigte ein, sein Atomprogramm drastisch einzuschränken: Zwei Drittel der Uran-Anreicherungskapazitäten sollen stillgelegt werden in den nächsten zehn Jahren. 95 Prozent des bereits angereicherten Urans sollen verdünnt werden, so dass daraus keine Atomwaffen mehr hergestellt werden können. In den kommenden 25 Jahren lässt die Regierung in Teheran zu, dass internationale Beobachter ihr Atomprogramm streng überwachen. Im Gegenzug wollen die westlichen Staaten laut EU-Außenbeauftragter Federica Mogherini alle Sanktionen aufheben.  

Bis zum Schluss war unsicher, ob es wirklich einen Durchbruch würde. Entsprechend erleichtert zeigte sich Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier: "Wir können zufrieden sein mit dem, was wir erreicht haben." Nun müsse das Abkommen ausgehandelt werden. "Für Jubelstimmung ist es zu früh." Dennoch gab sich Steinmeier optimistisch für die kommenden Verhandlungen: "Wir haben die Grundlage gelegt, das abschließende Ab­kommen auszuhandeln. Dafür sind jetzt drei Monate Zeit."

Vereint aus Furcht

Seit mehr als zwölf Jahren versuchen die fünf Veto-Mächte des UN-Sicherheitsrates und Deutschland den Iran davon abzubringen, den entscheidenden Schritt zur atomaren Bewaffnung zu tun. Wie bei sonst keinem anderen Konflikt lässt eine von allen geteilte Furcht Amerikaner, Russen, Chinesen, Franzosen, Briten und Deutsche gemeinsam handeln. Es ist die Furcht, ein nuklear gerüsteter Iran würde das Tor zur nicht mehr kontrollierbaren Verbreitung von Atomwaffen sperrangelweit öffnen.

Im schweizerischen Lausanne erreichte dieses Ringen mit dem Iran seit dem vergangenen Wochenende seinen vorläufigen, dramatischen Höhepunkt. Vom "Endspiel" hatte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier gesprochen. Am Abend war es endlich entschieden.

Der Durchbruch ist ein Triumph der Diplomatie, errungen gegen heftige Widerstände und mächtige Widersacher. Die Hardliner in Teheran, die Falken im amerikanischen Kongress, der israelische Ministerpräsident, das saudische Königshaus – sie alle wollten diese Übereinkunft verhindern. Um fast jeden Preis.

Aber die Unterhändler, die in Lausanne der iranischen Delegation gegenüber saßen, mussten auch ihre eigenen Zweifel ausräumen. Schließlich hat das Regime in Teheran die Welt jahrelang zum Narren gehalten, hat scheinheilig beteuert, die Kernenergie nur zu zivilen Zwecken nutzen zu wollen, während sich in verborgenen Uran-Anreicherungsanlagen immer mehr Zentrifugen drehten, während Sprengköpfe getestet und Raketen gebaut wurden.

Ohne Iran kann es keinen Frieden geben

Nein, diesem Iran ist nicht so einfach zu trauen. Und trotzdem muss man mit ihm zusammenarbeiten. Denn ohne diese regionale Großmacht kann es im Mittleren Osten keine Ruhe und keinen Frieden geben. Teherans unmittelbarer Einfluss reicht inzwischen bis ans Mittelmeer und an den Golf von Aden. Der Iran finanziert die Hisbollah im Libanon und die Hamas im Gazastreifen genauso wie die Huthi-Rebellen im Jemen. Zugleich ist er im Kampf gegen den mörderischen "Islamischen Staat" in Syrien und im Nordirak faktisch ein Verbündeter des Westens geworden.

Irans wachsender Einfluss sorgt in den Golf-Staaten, besonders in Saudi-Arabien, für Unruhe. Die Saudis verfolgen die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm genauso skeptisch wie die Israelis. Sie wollen keine Normalisierung zwischen Washington und Teheran. Genau das aber, so ihr Verdacht, sei Barack Obamas über die Nuklearverhandlungen hinausreichende heimliche Agenda.