Hölle ist ein überstrapazierter Begriff, um den Krieg in Syrien zu beschreiben. Aber wenn er derzeit auf einen Ort zutrifft, dann auf Jarmuk. Seit mehreren Tagen versuchen IS-Kämpfer, dieses Gebiet unter Kontrolle zu bringen – oder was davon noch übrig geblieben ist. Wo vor Ausbruch des Krieges 150.000 Palästinenser in einem Viertel mit Krankenhäusern, Moscheen, Schulen, Strom und Müllabfuhr lebten, hausen heute noch einige Tausend Menschen in Ruinen, weitgehend abgeschnitten von jeder Versorgung. Über sie ist in den vergangenen Tagen der gesamte Horror dieses Krieges hereingebrochen: Fassbomben, Artilleriebeschuss, Häuserkampf, Entführungen, Exekutionen.

Ein 27-jähriger Aktivist in Jarmuk, der unter dem Pseudonym Jihad Shehaby agiert, beschreibt in einem Gespräch mit ZEIT ONLINE die aktuelle Situation: "Der IS hat derzeit etwa 90 Prozent des Camps unter seiner Kontrolle. Aknaf Beit al-Maqdis (Anti-Assad-Miliz in Jarmuk, Anm. d. Red.) hält noch zehn Prozent und wird in Richtung der Frontlinie des Regimes gedrängt. Die Freie Syrische Armee hat versucht, den IS unter Druck zu setzen, aber das hatte keine ausreichende Wirkung."

Die Bewohner sitzen in der Falle. Von Süden rückt der IS vor, im Norden, in Richtung des Stadtzentrums von Damaskus, blockiert das Regime weiterhin alle Wege. Dessen Armee und Milizen belagern Jarmuk bereits seit gut zwei Jahren. "Jarmuk ist seit mehr als 650 Tagen weitgehend von der Außenwelt abgeriegelt", sagt Shebaby. "Die Leute haben alle Vorräte längst aufgebraucht, die Zahl der Toten durch Hunger und Unterernährung liegt jetzt bei 174. Seit 200 Tagen gibt es auch kein Wasser mehr."

Assads Strategie: aushungern

Die Belagerung ist die Rache für Verrat, so sieht es jedenfalls die syrische Regierung. Palästinenser galten lange Zeit als treue Stützen des Regimes, diese wiederum sahen in der Assad-Diktatur einen Garanten ihres Rückkehrrechts nach Palästina. Gleichzeitig erlaubte ihnen das Regime eine wirtschaftliche und soziale Integration wie in kaum einem anderen arabischen Land. Jarmuk, 1957 als Zeltlager für palästinensische Flüchtlinge errichtet, entwickelte sich binnen kurzer Zeit zu einem gut funktionierenden Ort in der syrischen Hauptstadt.

Als Anfang 2011 die Massenproteste gegen Assad begannen, verhielten sich viele Bewohner Jarmuks zunächst neutral. Doch dann stattete das Regime loyale Palästinenser-Gruppen mit Waffen aus. Immer mehr Bewohner protestierten auf der Straße, gleichzeitig sickerten immer neue militante Assad-Gegner ein. Jarmuk wurde zum Kriegsschauplatz – in unmittelbarer Nähe zum Amtssitz des Despoten.

Um das zu stoppen, setzte Assad auf eine einfache Strategie: die Bevölkerung aushungern, bis sie sich von den Rebellen lossagt und flieht. Dieses Kalkül ist auch zu großen Teilen aufgegangen. Wer geblieben ist, hat kein Geld für die Flucht, weiß nicht, wohin, oder wird von Anti-Assad-Milizen festgehalten. Manche, wie Jihad Shehaby, bleiben, weil sie Jarmuk nicht aufgeben wollen.

Hunde und Katzen sind schon gegessen

Ihr Durchhaltewillen schien sich im Januar 2014 auszuzahlen. Nach langen Verhandlungen mit dem für Palästinenser zuständigen UN-Hilfswerk UNRWA ließ das Regime einen Hilfskonvoi nach Jarmuk durch. Mehrere Hundert Menschen wagten sich zur Abholstelle am Rand des ehemaligen Camps. Viele waren von Unterernährung gezeichnet, eine abgemagerte Frau, so berichteten UNRWA-Mitarbeiter später, brach in der Warteschlange zusammen und starb.

Die Notpakete reichten längst nicht für alle, viele mussten unverrichteter Dinge wieder gehen. Als UNRWA einige Wochen später wieder Hilfe liefern konnte, schoss ein Fotograf ein Bild, das in den folgenden Tagen um die Welt ging: Es zeigt einen Strom von Elendsgestalten, die inmitten einer Trümmerlandschaft auf eines der Hilfspakete hoffen. Die Menschen hatten sich seit Monaten von Gras, Insekten oder den wenigen Lebensmitteln ernährt, die zu horrenden Preisen auf dem Schwarzmarkt gehandelt wurden. Per Fatwa hatte ein Imam das Schlachten von Hunden, Katzen und Eseln erlaubt, doch auch die Tiere waren inzwischen aufgegessen.

Ausreichende Hilfe konnte UNRWA nie wirklich leisten. Immer wieder gerieten Konvois in Kampfhandlungen, immer wieder strich die Regierung in Damaskus die Liste der Hilfsgüter zusammen. Die Menschen in Jarmuk, unter ihnen 3.000 Kinder, leben nach UNRWA-Schätzungen von durchschnittlich 400 Kalorien am Tag.

"Und was an UN-Hilfe in den vergangenen Monaten noch durchkam, ist durch den IS-Vormarsch endgültig gestoppt", sagt Shehaby. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bezeichnet wegen dieser Zustände Jarmuk als "ein Todeslager".