Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, meldet sich im Streit über die Einstufung des Massakers an den Armeniern zu Wort. "Wir können doch nur aus der Geschichte lernen, wenn wir Völkermord auch Völkermord nennen", schreibt Käßmann in der Bild am Sonntag.

Käßmann verweist auf die Aufarbeitung des Holocausts: "Als Deutsche haben wir schließlich auch gelernt, dass die Ermordung von Millionen Juden Völkermord war, dass wir tiefe Schuld auf uns geladen haben." Und dieser Lernprozess habe die große Mehrheit im Land sensibel gemacht für Menschenrechte und die Frage von Krieg und Frieden: "Dafür können wir dankbar sein. So ist es gut, dass in der Türkei selbst sich Stimmen regen, den Völkermord an den Armeniern als Teil der eigenen Geschichte anzusehen."

Der Verfolgung zwischen 1915 und 1918 im Osmanischen Reich fielen nach neuesten Schätzungen bis zu 1,5 Millionen Armenier zum Opfer. Am kommenden Freitag steht anlässlich des 100. Jahrestages eine Bundestagsdebatte zum Gedenken an die Gräueltaten auf der Tagesordnung. Am Abend zuvor wollen die Kirchen in einem ökumenischen Gottesdienst im Berliner Dom an die Ereignisse erinnern. Im Anschluss an den Gottesdienst soll Bundespräsident Joachim Gauck reden.

Anders als etwa Papst Franziskus und das EU-Parlament spricht Deutschland bisher offiziell nicht von einem Völkermord. Die Bundesregierung verurteile das "Massaker und die Vertreibung" und setze sich sehr für eine Versöhnung ein, hieß es in den letzten Tagen aus Regierungskreisen. Denn trotz aller unterschiedlichen Einschätzungen müsse ein gemeinsamer vernünftiger Weg in die Zukunft der betroffenen Völker gefunden werden.

Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter hat die schwarz-rote Koalition aufgefordert, die Massaker klar als "Völkermord" zu benennen. Zu einem von Union und SPD formulierten Antrag für eine Entschließung des Bundestags, der den Begriff Völkermord vermeidet, sagte Hofreiter: "Man sollte sich als Bundestag aus Rücksicht vor der Türkei nicht um den Ausdruck Völkermord drücken." Zudem müsse die Verantwortung des Deutschen Kaiserreichs klar angesprochen werden, das damals das Osmanische Reich unterstützt hat.

Hofreiter würde es begrüßen, wenn Bundespräsident Joachim Gauck zum Anlass des Jahrestages klare Worte fände. "Ich würde mir wünschen, dass der Bundespräsident sich deutlicher äußert."

Unionspolitiker für Verwendung des Begriffs

Auch führende Unionspolitiker kritisieren die Vermeidung des Begriffs "Völkermord" und fordern dessen Verwendung in dem Bundestagsantrag der Koalitionsfraktionen. "Der Tod Hunderttausender Armenier in der Endphase des Osmanischen Reiches war weder Unfall noch Zufall, sondern Völkermord", sagte die stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Julia Klöckner der Welt am Sonntag.

Der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Bundestages, Michael Brand (CDU), sagte, der Bundestag solle sich notfalls über die Sprachregelung der Bundesregierung hinweg setzen. Nach seiner Ansicht wäre es "ein Armutszeugnis, wenn es beim Thema Genozid statt Mut zur Wahrheit etwa Feigheit vor dem Freund gäbe".

Der Armenien-Berichterstatter der Unionsfraktion im Bundestag, Christoph Bergner, kündigte an, sich für die Verwendung des Begriffs in dem Entschließungsantrag des Bundestages einzusetzen. "Die Beweise, dass es sich um einen Genozid handelt", so Bergner, "liegen in den Archiven des Auswärtigen Amts".

Papst Franziskus hatte die Ermordung als "ersten Genozid des 20. Jahrhunderts" bezeichnet und damit scharfen Protest der türkischen Regierung und Öffentlichkeit hervorgerufen.