In Italien sind zwei der Überlebenden der Flüchtlingskatastrophe mit Hunderten Opfern im Mittelmeer festgenommen worden. Nach Angaben der Regierung wird dem Kapitän und einem Besatzungsmitglied Begünstigung illegaler Einwanderung zur Last gelegt. Das teilte Staatsanwalt Rocco Liguori in der Nacht mit. Den aus Tunesien und Syrien stammenden Männern werde mehrfache fahrlässige Tötung, Menschenhandel und Schiffbruch vorgeworfen, berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa.

Die beiden seien von anderen Überlebenden identifiziert worden, sagte der zuständige Staatsanwalt Giovanni Salvi. Auch der Flüchtling aus Bangladesch, der im Krankenhaus von Catania liegt, habe sie auf Fotos erkannt.

Die Vereinten Nationen gehen inzwischen von 800 Opfern der Flüchtlingstragödie vor der Küste Libyens aus. "Man kann sagen, dass 800 Menschen gestorben sind", sagte die Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Italien, Carlotta Sami, in der sizilianischen Stadt Catania. Der Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM), Flavio Di Giacomo, bestätigte die Schätzung. Die UN-Vertreter hatten zuvor mit den meisten der 27 Überlebenden des Unglücks gesprochen, die in der Nacht vom Schiff Gregoretti der Küstenwache nach Catania gebracht worden waren. Demnach waren auch Kinder an Bord des gekenterten Schiffs gewesen.

Nach dem Unglück in der Nacht zum Sonntag hatte das UNHCR zunächst von etwa 700 Toten gesprochen. Damals hatte Sami bereits gesagt, sollten sich die Zahlen bestätigen, wäre es das "schlimmste Massensterben, das jemals im Mittelmeer gesehen wurde".

Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte hatte die EU zuvor ungewöhnlich scharf kritisiert. Die Hunderten von Toten seien das Ergebnis eines anhaltenden Politikversagens und eines "monumentalen Mangels an Mitgefühl", sagte Seid Raad al-Hussein am Montag in Genf. Statt nach sinnlosen strengeren Abschottungsmaßnahmen zu rufen, müsse die EU endlich legale Fluchtwege und mehr Rettungskapazitäten für das Mittelmeer bereitstellen. 

Als Reaktion auf das Unglück wird es am Donnerstag in Brüssel einen Krisengipfel geben. Dabei soll es auch um den Kampf gegen Schleuser gehen. Entwickungshilfeminister Gerd Müller (CSU) verlangte ein Sofortprogramm von zehn Milliarden Euro, um Wirtschafts- und Stabilisierungsprogramme in den Fluchtländern zu finanzieren.

Die Hoffnung, im Mittelmeer weitere Überlebende der Katastrophe zu finden, schwand am Montag. Der italienischen Küstenwache zufolge war das Fischerboot etwa 70 Seemeilen (130 Kilometer) vor der libyschen Küste gekentert. Ob das Schiff und die vermutlich Hunderten Leichen geborgen werden können, war unklar. Die Küstenwache teilte mit, möglicherweise werde es keine Gewissheit über die Zahl der Toten geben, da das Mittelmeer an der Unglücksstelle sehr tief sei.