Ein Eklat blieb aus. Das Protokoll im Moskauer Kreml hatte die EU-Fahne wie ausgleichend in die Mitte zwischen die Farben Griechenlands und Russlands gerückt. Alexis Tsipras und Wladimir Putin gaben sich Mühe, die bangen Seelen vieler in der Europäischen Union zu beruhigen. Sogar Tsipras’ Kritik an der "Sackgasse" der EU-Sanktionen gegen Russland klang staatsmännisch zurückgenommen. Ansonsten gaben sich beide entspannt: Griechenlands Premierminister, einmal mehr krawattenfrei, warb für ein europäisches Sicherheitssystem im Dialog mit Russland, und Russlands Präsident konnte es genießen, einem europäischen Politiker nicht Fragen zum eigenen Engagement in der Ostukraine oder zu ermordeten Oppositionellen beantworten zu müssen.

Ganz ungezwungen verlief die Pressekonferenz allerdings nicht. Denn eine Frage hing über jedem Lächeln Tsipras' im Raum: Darf der junge Premierminister so einfach mit Russland anbändeln, wenn die EU im kalten Konflikt mit Putin steht? Tsipras parierte die Frage mit der Bemerkung, Griechenland habe ein Recht auf eine Außenpolitik mit verschiedenen Vektoren. Dabei werde es seine internationalen Verpflichtungen einhalten. Gleich viermal betonte er die Souveränität des Staates Griechenland.

Dabei verwiesen auch Kritiker Tsipras' in Brüssel darauf, dass er natürlich nach Moskau reisen könne. Bedeutsam sei, zu welchem Preis er dort was anbiete. Wird er sich für Finanzhilfe aus Moskau gegen die brüchige Einheit der EU stellen? Kauft sich Putin in Griechenlands EU-Politik ein? Das Bild des Trojanischen Pferdes fehlte auch in den Journalistenfragen in Moskau nicht. Aber so einfach mit Geldscheinen lässt sich Interessenpolitik oft nicht umsetzen.

Russland ist knausrig

Die Ergebnisse des Gipfeltreffens sind für Griechenland mehr Optionspapiere als ein großes Los. Ein Aktionsplan für 2015 und 2016 soll den "Kompass der Zusammenarbeit" (Tsipras) darstellen. Über seine Ausrichtung ist aber noch wenig bekannt. Tsipras hofft auf Großprojekte und Investitionen. Vor allem eine Verlängerung des Gaspipeline-Projekts Turkish Stream von Russland über die Türkei nach Griechenland hat es ihm angetan. Griechenland würde womöglich zu einem Gasknotenpunkt für Südeuropa. Das Geld zum Bau der Pipeline fehlt allerdings. Russland könnte einspringen. Tatsächlich wurde Putin beim Gespräch über Gas sichtbar munterer und lockte Tsipras mit der wachsenden "geopolitischen Bedeutung" Athens, mit Arbeitsplätzen und mit Hunderten Millionen Transitgebühren, die Griechenland "einfach so" verdienen werde. Verhandlungen darüber aber stehen erst an.

Kurzfristige Hoffnung machte den Griechen Russlands Landwirtschaftsminister Nikolai Fjodorow mit der Feststellung, dass ein Ende des russischen Embargos für Lebensmittel aus Griechenland denkbar sei. Die Hälfte der griechischen Exporte nach Russland stammte aus der Landwirtschaft, bevor Moskaus Gegensanktionen sie stoppten. Griechenlands Handelssaldo mit Russland, das zwei Drittel des griechischen Gasbedarfs deckt, ist dadurch noch mehr in Schieflage geraten. Tsipras würde gerne mit Erdbeeren und Pfirsichen für den russischen Markt gegensteuern.

Von einem russischen Kredit, vor dem in Brüssel deutlich gewarnt wurde, war nicht ernsthaft die Rede. Tsipras versicherte, Griechenlands Finanzprobleme seien nur mit den europäischen Partnern zu lösen. Russland ist zudem mit seinem Geld oft knausriger, als viele denken. Zumal sich Moskaus Reservekassen bei einem ungünstigen Verlauf der Wirtschaftskrise bereits im nächsten Jahr leeren könnten.