Die Bundesregierung hat die neue Forderung Griechenlands nach 278,7 Milliarden Euro als Wiedergutmachung für NS-Verbrechen zurückgewiesen. Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) sagte, die Reparationsfrage sei juristisch erledigt. Es sei "dumm", Entschädigungsforderungen mit den laufenden Verhandlungen über Kredithilfen zu vermischen. Beide Dinge hätten nichts miteinander zu tun, seien aber sehr aufgeladen, sagte der Vizekanzler bei einer Diskussionsveranstaltung in seinem Ministerium. Das bringe die Stabilisierung Griechenlands "keinen Millimeter voran."

Ein Ausschuss des griechischen Parlaments hatte erstmals eine konkrete Zahl der Forderungen an Deutschland wegen Verbrechen während des Nationalsozialismus genannt. Die Summe hatten Experten des griechischen Finanzministeriums und der Zentralbank über zwei Jahre ausgerechnet. Umfasst werden Entschädigungen für Kriegsverbrechen und -schäden sowie Ansprüche aus einer Zwangsanleihe, die 1942 die Bank von Griechenland der Deutschen Reichsbank geben musste. Deutschland besteht dagegen auf ein Abkommen von 1960, nachdem Athen 115 Millionen Mark ausgezahlt wurden.

Unterstützung für ein Nein zu den neuen Forderungen Griechenlands bekam Gabriel von der CDU. Der haushaltspolitische Sprecher der Union, Eckhardt Rehberg, warf der griechischen Regierung vor, die Schuldenkrise und die Reformauflagen mit Reparationen und Entschädigungen bewusst vermischen zu wollen. "Die Zahl von 278,7 Milliarden Euro angeblicher Kriegsschulden ist für mich nicht nachvollziehbar oder irgendwie belastbar", sagte er. "Das Thema Reparationen ist für uns politisch und juristisch abgeschlossen. Das gilt auch für die sogenannte Zwangsanleihe."

Ganz anders die Opposition: Der europapolitische Sprecher der Grünen, Manuel Sarrazin, und die Vorsitzende der deutsch-griechischen Parlamentariergruppe im Bundestag, Annette Groth von der Linkspartei, forderten die Rückzahlung des vom NS-Besatzungsregime eingezogenen Zwangskredits. Alle anderen Ansprüche sollten Deutschland und Griechenland "gemeinsam und einvernehmlich" vor dem Internationalen Gerichtshof prüfen lassen, sagte Sarrazin.

"Deutschland muss auch etwas zurückgeben"

Gabriel betonte aber die moralische Verantwortung. Deutschland müsse sich immer wieder der Frage stellen, ob ausreichend sei, was man geleistet habe, sagte er. "Auch wenn mit den Zwei-plus-vier-Verhandlungen eine formale Beendigung dieser Reparationsdebatte gegeben ist", könne man in Deutschland "jedenfalls auf absehbare Zeit" keinen Schlussstrich unter die Debatte über die Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg ziehen. Es wäre, so der SPD-Chef, gerecht, wenn Deutschland, das wie kaum ein anderes Land von der Europäischen Währungsunion profitiert habe, "auch etwas zurückgibt".

"Wir müssen verdammt viel Respekt davor haben, was die Menschen in Griechenland schultern." Sie müssten die Opfer bringen für das Versagen der Eliten: "Sie haben das Land ausgeplündert." Das Land müsse im Euro wieder auf die Beine kommen – "und nicht außerhalb".

Ohne rasche Hilfen droht Athen schon bald der Staatsbankrott. Die Europartner und der IWF haben Kredite von 7,2 Milliarden Euro auf Eis gelegt, weil viele Reformauflagen nicht erfüllt sind. Die bisherigen Hilfen für Griechenland belaufen sich auf 240 Milliarden Euro, etwa 55 Milliarden Euro entfallen auf Deutschland.